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Paul erzählte, er habe auf die Frage, was er über Unsterblichkeit denke, mit den WortenGöthe's geantwortet:
„Das Drüben kann mich wenig kümmern,
Schlügst Du erst diese Welt in Trümmern,
Die andere mag darnach entstehen.
Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
Dann mag, was will und kann, geschehen.
Davon will ich nichts weiter hären,
Ob man auch künftig haßt und liebt,
Und ob es auch in jenen SpähtenEin Ober oder Unten gibt."
Sie hatte den Glauben ihrer Kindheit als theures Kleinod bewahrt und zweifeltenicht, baß sie auch im Jenseits ihren Paul wiedersehen und lieben dürfe. Und als ihrder Gatte versicherte, er wolle jetzt, treu dem Bunde, den er für'S ganze Leben geschlossen,seine Kraft der Erforschung und Verbreitung cher freimauerischen Grundsätze einsetzen,da war es ihr, als schleiche sich eine glatte, kalte Natter in ihr Herz, um es in lang-samen Bissen zu ertödten. Doch wiederum unterdrückte das Weib die quälende Angst undflüsterte nur die Worte: „O Paul, wenn doch auch Du Ruhe finden könntest! SchoneDich, denke an Weib und Kind!" Er aber küßte ihr die Sorge hinweg und sprach vonbaldigem und stetem Glücke, das über sein ganzes Wesen sich werde ausbreiten und andem sein Weib und sei» Kind sich erfreuen sollten.
Kaum hatten am folgenden Tage die wogenden Nebel, welche gleich einer dichten,silberdurchwirkten Mütze die Häupter der Berge bedeckten, in dem Thale hin und herwogten und auf den Fluß und See sich herabsenkten, nach hartnäckigem Kampfe denübermächtigen Sonnenstrahlen weichen müssen, als Paul und Elsa den einsamen Pfadbetraten, der sich in vielen Krümmungen zu der Höhe Hinaufwand, wo eine reizende Aus-sicht die Mühe des SteigenS lohnte, und der Wanderer während der SommermonateErquickung durch Speise und Trank fand. Es kam auch selten ein Tag, da nicht ein-zelne Naturfreunde oder größere Gesellschaften des herrlichen Anblicks sich erfreuten. Vondem kleinen, hölzernen Balköne des Häuschens erblickte man vor sich die ausgedehnteFläche des See's , in dem sich die eisigen Berggipfel spiegelten. Gegen die Berge-Hinbildete der See eine Menge von Buchten und Busen. Weiter nach rechts konnte einscharfes Auge sehen, wie er sich allmählig verengert und den Lauf und die Gestalt einesFlusses annahm, der bald in mächtigem Bogen seine schäumenden Wasser in's Thalhinab schleuderte» wo er dann gemessenen Laufes sich fortwälzte. Auf der anderen Seitevermochte der Blick nicht die Ufer zu erspähen, wo seine Wellen brandend anschlugen.Vor sich aber erblickte man in weiter Ferne die Bergketten» deren eisige Häupter hochzum Himmel emporragten. Auf der Fläche des Sees herrschte reges Leben. Stöhnenddurcheilten Dampfer die weite Fläche, während die reichbefrachteten Schiffe der Kaufleutelangsamer dahinsegelnd die Waaren verschiedener Länder austauschten. Dazwischen durch-kreuzten winzige Boote die Fluthen, geleitet von fröhlichen jungen Leuten, welche desheiteren WellenspielS sich erfreuten. Ernst betrachteten dieses Treiben die Berge, derendüstere Tannenwaldungen sich schwarz im Wasser wiederspiegelten und wie ein riesigerLeichenstein an der Grenze eines weiten Todtenfeldes dem übermüthigen Leben ein Llsmontomoril zuriefen.
Dieser Eindruck wurde verscheucht, wenn man die überall zerstreuten grünen Mattenund saftigen Triften betrachtete, von denen das Geläute weidender Heerden herüberdrang,noch oft vermischt mit einem fröhlichen Jodler, den der Senne als Gruß in's Thalsandte. —
Auf der Höhe herrschte schon ziemlich reges Leben. Es war eine größere Gesell-schaft von Herren und Damen aus der nächsten größeren Stadt, die am jenseitigen Ufer