Ausgabe 
(21.7.1883) 58
 
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sich ausbreitete, herübergekommen. Unter ihnen traf Paul einen Herrn, den er in Gdessen Vaterstadt kennen gelernt hatte.

Er hieß Ernst Flemming , war der Sohn eines wohlhabenden Gastwirth's in G.und hatte sich nach Vollendung seiner medizinischen Studien in der Seegegend als prak-tischer Arzt niedergelassen. Nach der ersten Begrüßung und Vorstellung entspann sichbald eine lebhafte Unterhaltung, die von den Vorzügen und der Schönheit des Gebirgs-landes ausgehend, bald auf die neuesten Ereignisse unserer Literatur und des öffentlichenLebens überging. Während die Damen sich ohne Schwierigkeiten über jedes Urtheileinigten, fühlten die Herrn starken Gegensatz ihrer Meinungen.

Der weltgewandte Arzt, der von Jugend auf in und mit der Gesellschaft verkehrthatte und Sorg' und Kummer nicht kannte, redete der materialistischen, auf Lebensgenußbedachten Weltanschauung das Wort, während Paul, dem stets seine Bücher lieber alsdie Gesellschaft gewesen waren, und der sein Leben lang um des Lebens Unterhalt hattekämpfen müssen, das Verschwinde» jedes Ideals in Wort, Bild, Streben und Lebenbedauerte. Besonders erregten die alles Schamgefühl verletzenden Schilderungen weib-licher Reize, nackter Männergestalten und berückender Sinnengenüsse, die von Feder, Pinselund Griffel verherrlicht, auf allen Bühne» als Kitzel vorgeführt und in Form von Bildernberühmter Meister in allen Städten gezeigt werden, Pauls Unwillen. Es war ihm dabeihauptsächlich um das Aergerniß zu thun, das junge Mädchen (solange sie nochjungfräuliches Schamgefühl besitzen) nehmen müssen, die man schaarenweise zu solchenFrauenfleischbänken und Männermuskelnausstellungen führt. In der größeren Zahl dersogenannten Meisterwerke sah der ernste Paul noch die schamlosesten Vorstellungen un-wichtiger Götter und Menschen; Gegenstände, welche die Lust entflammen sollten undsie noch jetzt entflammen. Als der Doktor gerade wieder eine solche nach seiner Meinungmittelalterliche Ansicht lachend widerlegte, näherte sich eine Dame der Gesellschaft, die derArzt als seine Schwester Friederike vorstellte, und welche er sogleich aufforderte, mitzu-kämpfen gegen Pauls veraltete, einseitige Stubengelehrsamkeit. Wie durchschauderte esaber den Professor, als er in dem schönen Mädchen die Gestalt und Züge jenes ver-führerischen Wesens wiederzuerkennen glaubte, das ihm den Tag vor seiner Aufnahmein den Freimaurerorden im Traume erschienen war. Unwillkürlich mußte er seine Elsabetrachten, um das Bild nicht Herr über seine Phantasie werden zu lassen. Der Aufent-halt dort aber hatte ihr ein frisches Aussehen gegeben, daß beim Anblick des lieblichenGesichtes jeder Gedanke an den Tod verschwinden mußte. Welchen Gegensatz boten aberdiese zwei Gestalten! Es war, als wenn neben dem hohen Stengel einer Lilie, derenBlätter sich gerade zur prächtigen, dustausströmenden Blume entfalten, ein bescheidenesVergißmeinnicht blüht, das Köpfchen kaum über die Grashalme erhebend. Die hoheJunosgesialt Friederike's, mit den großen, schwarzen ersten Augen und den üppigen tief-schwarzen Haaren, die ruhige Sicherheit konnte wohl Manchen in Zweifel lassen, ob dieserBusen schon das Jauchzen oder Wehe der ernsten Liebe gefühlt, oder ob nicht schonHymens Band sie mit einem Manne vereinigt habe. Letztere Vermuthung mußte schwinden»wenn man Friederike's Worte lauschen konnte, dann erinnerte man sich unwillkürlich desDichters Worte:

Du bist wie eine Blume,

So schön, so hold, so rein,

Ich schau' Dich an, und WehmuthSchleicht mir in's Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die HändeAus's Haupt Dir legen soll,

Betend, daß Gott Dich erhalteSo schön, so rein, so hold.

Dieses Gefühl des Entzückens und der Wehmuth, das bei dem Anblicke des herr-lichsten Gebildes der Schöpfung, so lange es noch nicht von der Hand des gierigenMannes entweiht ist, des guten Menschen Brust bewegt, wurde bei Paul noch erhöht,als er sah, daß Friederike, die längere Zeit in einem modernen Pensionate erzogen und