Ausgabe 
(25.7.1883) 59
 
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macher, der mir im Auftrage meines Vorgesetzten mittheilte, ich solle zu Hause bleiben,da er gegen Abend mit einer größeren Jagdgesellschaft bei mir erscheinen werde. Wieich nun so durch den Walv dahin schritt, malte, ich mir die Freude aus, die mein Weibhaben würde, wenn sie mich so bald zurücksehen werde. Ich bin nämlich erst seit einemVierteljahre verheirathet, früher war Theres im Dienste bei dem Gutsbesitzer, den Sievorhin gesehen haben. Der Herr kommt öfters in mein Haus, hat der Theres auchfrüher und noch jetzt Geschenke gemacht, allein er sagte immer, es sei nur eine kleineErkenntlichkeit für die guten Dienste, die sie ihm und seinem Hause geleistet habe. Ichglaubte das auch und dachte nichts Schlimmes bis ich heute nach Hause kam und michüberzeugte, daß der Elende mein Weib umgarnt und freventlich in mein Lebensglückeingegriffen hat. Da ward ich von Sinnen, stürzte auf den Räuber meiner Ehre undes begann ein Nennen und Jagen auf Leben und Tod.

Ohne Ihre Dazwischenkunft läge der Elende jetzt erwürgt auf der Straße. Neuehätte ich wohl auch dann keine empfunden, allein es ist so besser. Mein Weib, seine Dirne,wird wohl um Hilfe für ihren Buhlen gelaufen sein. Was jetzt kommt ist mir gleichich hasse die Welt und die Menschen, die mich so sehr betrogen haben. Am besten wärefür mich eine Kugel aus meiner Büchse, allein meine Mutter würde sich im Grabe um-kehren, wenn sie einen Selbstmörder gebore» hätte. Vielleicht erlöst mich unser Herrgottauf andere Weise; wenn ich mein Kreuz trage brauche ich die ewige Verdammniß nichtfürchten."

Tief schnitten diese Worte Paul in's Herz. Hätte wohl auch ihn der Gedanke anfeine Mutter, der Glaube seiner Kindheit und die Furcht vor ewiger Pein in ähnlicherLage vor Verzweiflung geschützt? Er hatte ja den Glauben verloren. Fast neidischblickte er auf den Mann, dem sein Lebensglück geraubt worden war, und der nun Gottfein Kreuz aufopferte. Schweigend drückte er ihm die Hand und ging der Stelle zu, wser die Gesellschaft mit dem Ohnmächtigen gelassen hatte.

Dieser hatte sich mittlerweile erholt und bot lächelnd den« Ankommenden die Händezu Gruß und Dank dar. Paul ergriff Ekel vor dem Menschen, der lächeln konnte, nach-dem er der Mörder des Lebensglückes seines Nächsten geworden war. Doch der Grüßendewar ja Bruder, er hatte sich durch den Nothruf zu erkennen gegeben und Paul hattegezeigt, daß er den Bruderruf verstanden. Er beglückwünschte den Geretteten, der sichals Bruder Folger von der Logezur Nächstenliebe" in K. vorstellte. Dann tauschteer auch mit Bruder Flemming das brüderliche Erkennungszeichen und versprach, derkommenden Monatsloge, die nächsten Freitag stattfinden sollte, beizuwohnen. Inzwischen»var man an der Wegscheide angelangt, wo die Dame» ihrer Begleiter harrten. Staunendfah Paul, wie Friederike mit Elsa unterwegs Freundschaft geschloffen hatte, sie umarmteund zum Abschiede küßte. Paul grüßte nochmal» dann reichte er seiner Elsa den Armund beide schlugen den nächsten Pfad zu ihrem stillen Häuschen ein. Der unschuldigeGenuß der Natur war dem Professor gründlich verdorben worden. Auch Elsa, obwohlihr gesagt worden war, der Mensch habe in einem Anfall von Raserei den Gutsbesitzerermorden wollen, hatte nicht die vorige Heiterkeit des Gemüthes. Der Nothruf des Ver-folgten und die Vertraulichkeit mit dem die drei Männer verkehrten, mußte ihr gezeigthaben, daß ein engeres Band sie umschlang. Auch Dr. Flemming hatte auf sie nicht denbesten Eindruck gemacht. Selbst Friederike's Freundschaft schien ihr mehr erkünstelt alsnatürlich zu sein. So kamen die Gatten, jedes seinen eigenen Empfindungen und Gedankennachhängend, in kurzer Zeit zu Hause an, wo die kleine Lina und ein erquickender Schlafdie trüben Bilder etwas verscheuchten.