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Drittes Kapitel.
„Ja, hinweg mit blindem Aberglauben!
Fort mit todten Formen, leerem Wahn!
Nur Vernunft und reine MenschenliebeStrebe, wer da denkt, von heute an.
Die Vernunft ist Gottes OffenbarungFreiheit ist des Geistes Element,
Liebe ist des Lebens schönste Krone,
Die die Schranken keines Glaubens kennt.Ehrist und Jude, Heide selbst und jene,
Die Geburt dem Koran unterwarf,
Alle bilden eine Bruderkelte,
Die kein Haß der Priester trennen darf."
„Die Loge ist gedeckt" — rief der erste Aufseher, als die Thurmuhr des nahenMünsters in K. eben in wuchtigen Schlägen die neunte Abendstunde verkündet hatte. —„Nachdem die Loge nach innen und außen gehörig gedeckt ist", begann hierauf der Meistervon Stuhl, „so wollen wir, meine Brüdrr, zur Eröffnung der heutigen Arbeit schreiten."Dann sprach er, während sich die Brüder erhoben folgendes Gebet:
„Allmächtiger Baumeister aller Welten! Segne unsere Arbeit, die wir zu DeinerEhre und zum Heile der Menschheit jetzt beginnen. Möge Weisheit uns leiten, Stärkeuns erfüllen und Schönheit uns begeistern zum erhabenen Werke, die Menschheit zu Dirhinaufzuziehen. Alles Dunkel soll weichen, Licht werde, sei und bleibe auf unserm Stern.Vor allem aber, liebe Vrüder", fuhr er weiter, „haben wir allen Grund, dem allmächtigenBaumeister aller Welten unsern Dank darzubringen, da er auf fast wunderbare Weiseunsern geliebten Bruder Folger, den ehrwürdigen Repräsentanten unserer Großloge, denmörderischen Händen eines Wahnsinnigen entrissen hat. Wir Alle wissen, was der Bundan ihm besitzt. Stolz erfüllt uns, eine solche Zierde des Maurerthums als Mitgliedder Loge „zur Nächstenliebe" zu besitzen. Vereinigen sich doch in ihm die Tugendendes profanen Menschen mit den höheren des Maurers zu schönem Bunde, so daß ergewiß ohne Uebertreibung das Muster und Vorbild der Freimaurer genannt werden darf.Wer kennt nicht seine echte, reine Humanität, den Ausfluß seines liebenden Herzens,wer nicht seine wahre Frömmigkeit, die freilich nicht zwischen engen Wänden den all-mächtigen Baumeister verehrt! Kaum eine Wittwe unseres Bezirkes wird sein, die nichtschon unsers Bruders wohlthätige Hand empfunden hätte. Und was that und thut ernicht Alles, in echtem Maurersinn für die Bildung der Jugend, die da bestimmt ist, einstaus dem Dunkel der Finsterniß herauszutreten und die Fackel der Ausklärung in alleWelt zu tragen! Wer weiß nicht, wie viel ihm unser blühendes Töchterinstitut verdankt,wo durch seine Mildthätigkeit Freiplätze für arme Mädchen errichtet wurden, die dereinstals Gattlnen und Mütter mitwirken werden am großen Baue der Aufklärung der Mensch-heit. Doch wer könnte die Verdienste des ehrwürdigen Bruders alle aufzählen! Derallmächtige Baumeister aller Welten hält sichtbar seine Hand über ihm, da er ihn ausden Händen eines i», finsteren Wahne rasenden Menschen so wunderbar errettet hat.Wir aber, meine Brüder, wollen unserer Freude hierüber Ausdruck geben, indem wirihm den maurerischen Gruß darbringen." — Jetzt Haschten sämmtliche Anwesende in dieHände, die bis dahin in tiefem Schweigen dagesessen waren und einen sonderbaren An-blick darboten. Ueber die schwarze Kleidung war ein weißes Schurzfell gebunden, dieHände steckten in weißledernen Handschuhen, auf den» Haupte saßsein schwarzer Seidenhutund um den Hals schlang sich ein breites, blaues Band, an dem das Logenzeichen hing»
Hierauf erhob sich auf des Meisters Geheiß der Bruder Redner, der zur linkendes Altares saß, und begann:
»Hochwürdiger Bruder Meister! Liebe Vrüder! Die Zierde des Menschen, die imMaurerthum zu ihrer Vollendung geführt werden soll, ist die helfende Nächstenliebe, dieechte Bruderliebe. Daß unser Bund diese Zierde besitzt, beweisen die Brüder, welchemit Gefahr ihres eigenen Lebens auf den Nothruf des Bruders Folger den Wahn»