Ausgabe 
(25.7.1883) 59
 
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Aus Obergünzbttrg's Umgebung.

Langsam geht es aufwärts durch das grüne Thal, durch gesättigte, duftende Felder,vorüber am schnellen Büchlein, drin muntere Fischlein ihr sorgloses Spiel treiben. Dochnoch hindert das Pochen einer Gypsmühle den reinen Genuß der Natur. Da schimmertdurch das Gebüsch eine helle Wasserfläche, die uns durch ihre Zuflüsse einen jedenfallskühlen Empfang ahnen läßt, falls wir den Lockungen von Sonnenschein nnd Wellenschlagfolgen wollten. Darum fort! auf die stille Waldwiese, wo bescheidene Blümchen amRande der Quellen lauschen auf den Tritt des scheuen Rehes, das soeben seine Aesungsucht. Auf dem sauften Polster des Heidekrautes geht das schlanke Thier vorwärts zudem schwellenden Grün, das vom Himmelsthau getränkt in funkelndem Glänze schimmert.Ein froher Sängergruß schallt von den waldigen Höhen und jubelnd führt die Lerche indem bewegten Chöre die liebliche Melodie. Plötzlich jauchzt einer aus unserer Mitte,verführt durch das wundersame Singen und Klingen das Reh ist in dem wildenNosengebüsche verschwunden, das den Wald umsäumt. Ein kurzer Hohlweg führt unsaufwärts durch das Fichtenholz, wo das Licht im magischen Wechselwirken mit demDunkel kämpft da scheucht das Knistern dürrer Aeste einen schlafenden Hasen auf,der jetzt noch sorglos vor dem grimmen Menschenfeinde entflieht; girrend fliegen dieWildtauben in's Freie und wecken das Eichkützchen zu neuen Kletterübungsn.

Bald öffnet sich der Wald und ein Hochplateau liegt vor uns, dessen höchsterPunkt von dem freundlichen Weiler Eschers gekrönt wird.

Die Leute schauen verwundert unsStadtherrn" nach, denn dem biedern Land-mann fehlt hier im Allgemeinen der empfängliche Sinn für Naturschönheit wie ihm auchdie Gabe des Liedes mangelt, die uns in Schnadahüpfeln des bayrischen Oberlandesentgegentritt.

Dir stattlichen Bauernhöfe machen namentlich durch ihre Reinlichkeit einen gutenEindruck, sogar ein Blitzableiter ist auf einem Anwesen zu bemerken; da wird wahr-scheinlich einmal aus lichten Höhen eine warnende Mahnung gekommen sein, denn zuNeuerungen, die nur einigermaßen überflüssig erscheinen, ist der Allgäuer schwer zu be-wegen; da bemerkt eben der naive Mann:Hat's bis jetzt nix braucht, na wird's soa thua."

Schon sind wir auf der Höhe angelangt, die sich nahezu 870 m über den Meeres-spiegel erhebt, und bemerken, daß hier Steine' zur trigonometrischen Landesvermellunaangebracht sind.

Ein Allgemeiner Ruf des Staunens entfährt unsern Lippen, die wir uns absicht-lich bis jetzt jedes Hinblickes enthalten hatten, um einen volleren Genuß zu haben. Dienoch nicht lange emporgestiegene Sonne beleuchtete uns eine prachtvolle Landschaft. Um-schlossen von blühenden Feldern und wogenden, goldene» Aehren sahen wir über dunkleWälder und einsame Gehöfte hinüber nach den Bergen in ihrer Morgenpracht.

In voller Klarheit und packender Macht heben sich die schroffen Spitzen des Wetter-steines von dem klare» Himmel ab, die Schneefelder schimmern in überwältigendemGlänze, ein rosenfarbener Flor hängt an den grünen Matten und Halden des lang-gestreckten Grünten, eine Fülle der schönsten Wirkungen läßt das Auge nicht ermüde»,das freudestrahlend den weiten Kreis durchmißt. Von den Bergei» des Bodensee'S bishinunter in's Jnnthal, vermag der Blick zu schweisen eine unbeschreibliche Mannig-faltigkeit von Gruppirungen, unter welchen die Zugspitze den Vorrang einnimmt, »nährendder Hochvogel mit der Daumenkette wegen seiner Nähe nicht minder »nächtig wirkt.

Doch wenden wir uns nach Westen, so ist der Gegensatz der Landschaft äußerstfesselnd. Während im Süden die mächtige Naturkraft selbst durch die bunte Gestaltungder Felsgebilde den Zauber des Anblickes schafft, ist es auf den Höhen des JllerthaleSder rastlos schaffende Mensch, welcher die ansteigenden Hügel belebt. Wie es glitzert undblitzt, wie es funkelt und schimmert auf den zahllosen, glänzenden Fenstern» Regellos»«streut liegen eine unschätzbare Zahl von Häuschen zwischen den Wiesen und Wäldern