Ausgabe 
(25.7.1883) 59
 
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ei» einziges, geordnetes Dorf ist sichtbar und wir werden lebhaft an die Sitten unsrerVorfahren erinnert, als noch jeder freie Bauer, wie der Adeling auf seinem Hofe in-mitten seiner Felder saß.

Die Stadt Kempten entzieht sich unserm Blicke, Schloß Quadt, Kronburg rc. sindsichtbar. Im Norden sind zunächst die Thürme von Ottobeuren bemerklich und bei HellemWetter vermag man sogar die Wilhelmsburg in Ulm zu erkennen. Im Nordosten hatteuns leider der tückische Nebel die Aussicht benommen, doch eine rasche Wendung desKopses brachte uns Ersatz genug.

Noch lange weilten wir hier ooen und freuten uns des herrlichen Morgens inwunderbarer Schönheit. Ost schauten wir zurück »ach der Stätte froher Augenblicke, alswir durch Hartmannsberg unser» Abstieg nach dem hübschen Markte nahmen.

Man hat uns auf einen andern Spaziergang durch die sogenannte Buchhalde nachdemHüttchen" aufmerksam gemacht und da wir einen hellen Abend zu erwarten hatten,so traten wir am späten Nachmittage unsere Wanderung durch das Günzthal an. FroheLandleute belebten die Felder, welche auf schwankendem Wagen das duftige Heu. welchesin dieser wasserreichen Thalsohle besonders gut gedeiht, nach Hause oder in die Feld-scheunen schafften. Bald nahm uns ein junger Fichtenbestand in seinen kühlen Schattenauf, lauschige Stille umfing uns, so das; wir schweigend fortschritten und in süßem Be-hagen die wonnige Waldluft einsoge». Diese Ruhe bestrickt die Sinne und läßt Er-innerungen wach werden, welche im Gewühle der großen Stadt, in dem hastigen Dränge»und Kämpfen der Menschenmassen übertönt werde». Doch bald ward dieses träumerischeSinnen durch die durchbrechende Jugendlust verscheucht, jeder war durch die kurze un-gestörte Rückkehr zu der eigenste» Gedankenwelt gehoben und im muntern Gespräche ent-warfen wir uns ein farbenreiches Gemälde der Zukunft, bei dem e^ allerdings an deinnöthigen Schatten fehlte. Denn um diesen kümmert sich die Jugend nicht; wenn auchdem idealen Streben so manche Enttäuschungen nicht erspart bleiben können, so darf dochdieses reine Licht der Begeisterung niemals dem Dunkel der Unthätigkeit und dumpferResignation weichen.

Da unterbrach der Wechsel der Landschaft unser Gespräch; waren wir bisher imDunkel des Nadelholzes in einförmiger Umgebung dahingegangen auf weichem Moose,das nur manchmal vom Springkrauts überwuchert war, so schien die Sonne jetzt freund-lich durch das Laubdach, vor uns erschloß sich ein freier Platz, während links sich ab-schüssige Erhöhungen zeigten. Ueppiger Pflanzenwuchs deckt die mit einzelnen Tannenbestandenen Hängen, welche in Folge des abstürzenden Schneewassers tiefe Rinnsale undErdabrutschungen zeigen; ein Gangsteig schlängelt sich in sanfter Steigung zur Höhe vonFreyen empor und eben entschwindet ein pürschender, stämmiger Jägersmann am Endedesselben. Da tönte es in der Nähe geschwätzig schnell und sieh! ein murmelnderQuell eilt vom Felsen rasch in's Thal hinab. Eine sinnige Hand hat neben dem Wasser-becken und dem Gestein, welches den NamenNeverdy" trägt, eine Nasenbank errichtet,welche uns zu einigem Verweilen verlockte. Der Trank ist gut und erfrischend. Dochdie sinkende Sonne mahnte zum Scheiden. An den Höhen entlang zog sich der Wegdurch Buchen und Tannen, bald wurde ein kleiner Weiher sichtbar, der ehemalige Schloß-weiher von Liebenthann. Endlich führten uns viele Stufen aufwärts zum Hüttchen, deralten Kapelle und den Schloßruinen. Daselbst waren im 13. Jahrhunderte Volkmarund Ulrich von Liebenthann gesessen, welche die Burg an die Herzoge von Teck verkauft.Im 15. Jahrhundert ging dieselbe sammt der Freiung, dem Zoll und Zins des FleckenSGunzelourc an den Grafen Hans Stain von Nonsberg über, der es an das StiftKempten überließ, in Folge dessen der Ort von Kaiser Nupprecht das Marktrecht erhielt.

Nur wenige Spuren der Burg sind noch aufzufinden, die Kapelle scheint noch nichtallzu lange niedergerissen zu sein. Nach dieser kurzen Umschau ließen wir uns in demeinfachen Häuschen nieder, um den sich bietenden Ausblick zu genießen. Unter uns klapperteeine Mühle, deren Rad wie mit Silber übergössen erschien; doch kein menschliches Wesen