Ausgabe 
(25.7.1883) 59
 
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>var zu sehen und vergebens spähten wir nach einer schönen Müllerin. Zu beiden Seitendes anmuthigen Thales sind bewaldete Höhenzüge, von welchen freundliche Höfe nieder-schauen. Durch diese Begrenzung wird der Blick zunächst auf Obergüngburg selbst be-schränkt und dadurch ein ganz hübsches Bild geschaffen.

Daran schließt sich das obere Thal mit dem Schotlenwalde, bis den Horizont dieAlpen abschließen. Selten bot sich unsern Augen ein farbenprächtigeres Bild als an diesemAbende. Die Beleuchtung erhöhte unzemein die Reize der Umgebung und das Farben-spiel bot einen wundersamen Anblick. Als schon leise Schatten in's Thal niedersankenund die blinkenden Wellen des Baches erbleichten, da strahlten die Berge in zauberischemGlänze. Eine Nöthe, wie sie die holde Scham auf die Wangen eines lieblichen Mädchen-antlitzes senkt, fluthet in reicher Fülle um die Häupter der starren Niesen, fächerartigfloß sie herab an den Schluchten, die Eisfelder leuchteten in schimmernden Farben. Dochjeden Moment schillerten die Spitzen in wechselnder Färbung, bald erschienen sie inflüssiges Gold getaucht, dann sank ein Silberschleier leise auf die verglühenden Firnen,bis zuletzt die Königin unsrer Berge, die Zugspitze , allein im matten Scheine sich überden dunklen Horizont erhob. Stumm sahen wir diesem unbeschreiblichen Schauspiele zu,bis uns ein kühler Wind auf den Gedanken der Heimkehr brachte. Mit dankbarem Ge-fühle schieden wir von dem schönen Waldesort.

Der Bollmond stieg über den hellen Himmel herauf; es war Johannisnacht. UnserePhantasie belebte den Hain mit lieblichen Gestalten, Elfen und Fee'», Dryaden und Faunemußten ihre Tänze und neckische Spiele uns zeigen im zitternden Lichts, das stille aufden Bäumen schlief. Die Böge! schwiegen und träumten wohl von angehörten Liedern,die sie morgen singen wollten. Da fühlten wir es wohl:

sanfte Still und NachtSind hold den Tönen süßer Harmonie."

Und als wir aufsahen zu den lichten Sternen, die unergründlich ihre ewigen Bahnenziehen, da füllt ein unstillbares Sehnen unsere Seele, hinaufzubringen nach den Himmels-räume», zu sehen jener Welten Harmonie» das stete Walten göttlichen Gesetzes.

So verband sich der Zauber der Natur mit dem Wirken unserer Phantasie zueinem jener Eindrücke, welche wir in weihevoller Stunde empfangen und nie vergessen.

Und als wir am nächsten Morgen in das Gewühl der Residenzstadt zurückkehrenmußten, da gab uns einer aus unserer Wirte ein Eriunerungsblatt mit auf den Weg,das er unmittelbar nach diesem Abende flüchtig entworfen hatte.

Es mag denn auch den Schluß der Mittheilung bilden.

Das Wunderbare taun den Jüngling fesseln,

Wenn noch die Kindheit mit dem Ernste ringt,

Der still das Knabeiffpicl zu Mauueschateu reist.

Doch mächtig regt sich das Gemüth, die Seele,

Es treibe» Blüthen aus dem vollen KeimBall süßen Dustes scur'ger Farbeuglut.

In seinem Innern treibt's den Jüngling, ahnend,

Sich eine Welt zu bau'», die ihn befriedigt.

O! pflegt dies Herz, die freie lebensnollc <roeele,

Laßt nicht den warmen Jugeudputs erkalten,

Nicht dem Bedürfnis; hier allein die Herrschaft!

Was ist die Erde ohne Blumeupracht dem AugeDer Wald, wenn nicht die Lieder klänge»?

Der eisige Winter zeitigt keine Früchte,

Es muß des ffrühlmgs Hauch und Sommergluth sie reisen.

Nicht der Verstand allein vollführet Mannesthaten,

Die würdig sind der göttlichen Unsterblichkeit.

Des Herzens srend'ger schlag durchdring das Leben!

Begeisterung und Liebe nimmt die Palme,

Umfasset lebensvoll ein mcuscheuwcrthcS Streben.