Ausgabe 
(25.7.1883) 59
 
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Miseelren.

(Die folgende Wiener Gerichtsszene) dürste Anspruch auf Originalitäthaben und auch einigermaßen Heiterkeit erregen. Vor ca. 6 Wochen war der vacirende36jährige Kellner Anton Wild mit dem Hausknecht Joseph Zehbauer auf der Straßevon Korneuburg nach Enzersdorf in Streit gerathen und halte schließlich den Zehbauerdurchgeprügelt. Dieser trat klagbar auf und Wild hatte sich nunmehr wegen Miß-handlung und Ehrenbeleidigung zu verantworten. Die erste hierüber geführte Verhand-lung mußte vertagt werden, da einige Zeugen fehlten und Wild behauptete, ersei so betrunken gewesen, daß er von der ganzen Sache überhaupt Nichts mehrwisse. Bei der Montag neuerdings aufgenommenen Verhandlung blieb er bei derselbenBehauptung. Richter: Zehbauer behauptet aber, Sie seien ganz nüchtern ge-wesen. Angekl.: Dös isnct wahr! I soll ihn um 5 Uhr durchg'haut hab'n,um Zeit bin i nie mehr nüchtern! Richter: Sie sind schon seit langerZeit vacirend, woher nehmen Sie denn das Geld? Angekl.: I hab' ein' Erbschaftg'macht und das Geld gib i halt jetzt aus. Richter: Sie wanken ja beständig, mirscheint, Sie haben heute auch keinen klaren Kopf mehr. Angekl.: Wie Sie mich daseh'n, Herr Richter, hab' i heut' schon vier Liter Vier und einen Liter Wein trunk'n.Da schau'» S' her, Herr Doktor! Da hab' ich's schriftlich! Seit mi der da klagthat, lass' i mir alle Tag a Bestätigung geben, damit i heut' zeigen kann, daß i net lüg'lDamit überreichte er dem Richter ein Paket schmieriger Papiere. Unter großer Heiterkeitbringt der Richter einige dieser kostbaren Schriften zur Verlesung. Wir können es unsnicht versagen, zwei davon wörtlich zu reproduziren:Bistädigung. auf Verlangen demHrn. Wild das ihm 6 Liter Weiches eing'schenkt und 2 Liter alden trunken. Wien ,21. Juni 1883. I. B . . ., Wirth, Taborflraße." Eine besonders drastischeBe-stätigung" besitzt der Angeklagte vom 30. Juni:Es wird himid bestädingt, weil HerrWild besoffen ist, ihm ich nix mehr schängen, so er 4 Lider Pils (Abzug) und 3 LiderWein trunken. Dies Wahrheitsgetreu zum Gebrauche bei Gericht. Wilh. A., Wirth,Währing , Hauptstraße." Derartige Bestätigungen besitzt der Angeklagte zahlreiche.Richter: Nun, und was soll ich mit diesen Papieren? Angekl. (mit Genug-thuung): Daß Sie überzeugt sein, daß i alle Tag' an Rausch hab'.Richter: Davon bin ich wahrlich überzeugt. Der Angeklagte wird zu einer achttägigenArreststraf« verurthcilt, was ihn in ein großes Erstaunen versetzt. Angekl.: Na, zuwas sein denn nachher die Bestätigungen? Richter: Die können Sie wieder mitnach Hause nehmen. Angekl.: Ja, aber wan i an' Rausch hab, darf i netg'straft werden! "I rekurrirl

(Wie klug und vorsichtig das schöne Geschlecht schon in sehrjugendlichem Alter ist), beweist neuerdings ein Gespräch, das jüngst im BerlinerThiergarten belauscht wurde. Der neunjährige, blondköpsige Fritz nähert sich dem brü-netten, schwarzäugigen Gretchen, das erst sieben Frühlinge zählt und sich mit Schnur-springen amüsirt, und bittet die junge Dame, sie möge ihm die Schnur ein wenig leihen.Gern", erwidert Gretchen,aber dafür mußt Du mir ein Stück Gerstenzucker geben."Doch erst nach der Schnur, Gretchen!" bittet Fritz. Davon aber will Gretchen nichtswissen.Nein! Nein!" ruft sie,Zuerst! Oh! Ich kenne die Männer!" . . . Undgelassen hüpft die erfahrene Miniatur-Dame weiter und läßt den verblüfften Fritz stehen,dem dieser Rede Sinn noch dunkel ist. Er wird später schon zur Erkenntniß kommen,daß Gretchen recht hat.

(Nur einen Fehler.) Jemand pries die Schönheit einer Dame und hob be-sonders die Zartheit und Weiße ihrer Haut hervor.Jawohl!" sagte ein Anderersiehat eine sehr weiße Haut, nur hat diese einen Fehler."Und der wäre?" sagte derPreis« im Zweifelstone.Sie färbt ab!" entgegnete der Andere trocken.

Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg . Druck und Verlag deßLitcrarischen Instituts von vr. Max Hutiler.