Ausgabe 
(28.7.1883) 60
 
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ihm die Hand zum Gruße darbot, da fuhr ein jähes Leuchten über sein ernstes Antlitz.ES war das Leuchten eines Blitzes, der sein Herz getroffen hatte.

Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang,

Der bleibt ein Narr sein Leben lang",

tönte und hallte es beim Anblick des herrlichen Mädchens in seinen Ohren. AuchFriederike's Auge leuchtete und ihre Hand zitterte- als Paul's verzehrender Blick sie zuverschlingen schien Da erschien Elsa's liebliche Gestalt unter der Thüre des Hausesund ihr treues Auge rief Paul in die Wirklichkeit zurück. Er hatte ja ein liebes, trautesWeib und sein Kind nur für sie konnte und durfte er lieben und leben. Er küßteseine Elsa und dann begab man sich in's Haus, wo Frieden!« erzählte, eS sei ihr heutezu Hause in Abwesenheit ihres Bruders die Zeit so lange geworden, und da habe siebei Elsa Zerstreuung gesucht und gefunden. Auch sei ei» Brief von zu Hause eingetroffen,der wegen Krankheit der Mutter, ihre baldige Anwesenheit dort nöthig mache. Balderschien auch der Doktor von seinem Besuche und die beiden Geschwister traten, baldigesWiedersehen wünschend, den Heimweg an.

Viertes Kapitel.

Sein ganzes Herz dahinzugebcuUnd wieder ganz geliebt zu sein,

Ist das nicht wahres Himmelsleben

Und welch' ein Thor macht's sich'S zur Pein?"

Die Ferien sind zu Ende. Paul Graf widmet sich in G. . . . wieder mit neuemEifer seinen Berufsgeschästen, während Elsa als züchtige Hausfrau schaltet und waltet.Auf beide hatte der Aufenthalt in den Bergen und der Verkehr dortselbst seine Einwirkungnicht verfehlt. Pauls Ernst schien einer gewinnenden Freundlichkeit gewichen zu sein»seine veralteten Ansichten von Welt und Leben hatten sich im steten Umgänge mit denLebemännern und unter dem Einflüsse Friederike's bedeutend niodernisirt,> sogar seinAeußcres war zu seinen Gunsten verändert. Elsa's Gesundheit hatte sich gekräftigt,wenigstens deutete eine frischere Farbe darauf hin, allein es schien als ob aus denmädchenhafte» Augen nicht nur Innigkeit, sondern auch Schwermuth blickte. Währendsie aber nach wie vor ruhig den Geschäften des Hauses und der Pflege ihres Kindesoblag, hatte sich bei Paul eine Sucht nach Zerstreuung eingrschlichen, die ihn alle Abendaus dein Hause in den Kreis seiner Bekannten trieb, welche fast ausschließlich der Logeangehörten. War nicht Gesellschaftsabend im Lügengebäude selbst, so konnte man diesenKreis sicherlich in einem Nebenzimmer des Gasthauses zur Schwane versammelt finden,dessen Eigenthümer, der Vater von Ernst und Friederike, schon seit seinem zwanzigstenJahre dem Bunde angehörte. Letztere ivar auf der Eltern Geheiß kürzlich nach Hausezurückgekehrt, um der kränkelnden Mutter eine Stütze zu sein. War Paul nun der Lieb-ling seiner Freunde, die er durch unermüdete Arbeit in Schrift und Wort an sich fesselte,so konnte er als der Freund Friederike's gelten, welche sich in kleine Zuvorkommenheitengegen ihn überbot, nichts ohne seinen Rath anfing und aufmerksam, wie ein begeisterterSchüler, seinen Worten lauschte. Welch' ein Leben war aber auch in die früher sostarre Hülle eingezogen! Nichts war mehr von dem in Weltschmerz versunkenenPedanten zu erblicke», wenn Paul in zündender Rede die Vrüder ermähnte, nicht nach-zulassen i,n Kampfe gegen den Geist der Finsterniß, der Jahrhunderte lang die Mensch-heit geknechtet und gemartert, der den Menschen zum Thiere erniedrigt oder ihn zumDespoten mache. Und wenn er dann lächelnd Friederike ein Gedicht überreichte, das vonLiebe und Wonne überfloß, oder in einem der Tagblät.er seinen Gefühlen Ausdruck gab,da hätte wohl Niemand in ihm den ehemaligen ascetischen Klosterbruder und Weltver-ächtcr gesucht. Und doch gab es Stunden, wo der Schein von Glückseligkeit und Friedewich und er einen Blick senken konnte in seine Brust, wo es dunkler und kälter war alsje. Dann schmiegte sich wohl seine Elsa an seine Brust, hob ihr bittendes Auge zu ihmauf und erinnerte ihn an die Zeiten, wo er ihr gehörte, ihr und ihrem Kinde lebte.Dann flehte sie ihn an, gerade jetzt, wo sie ein neues Geschenk seiner Liebe unter dem