Ausgabe 
(28.7.1883) 60
 
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Der ArrferrthalL in kleinen Orten.

Eine Studie von *** (Aus der Nürnb. Presse.)

Es ist nicht möglich, dass Alle, die sich zu den Gebildeten rechnen, in der Residenz, jaselbst in Mittelstädten leben können. Gerade die meisten wissenschaftlich gebildeten Männer,namentlich Beamte, zwingt eme heilsame Nothwendigkeit in kleinen Städten, unbedeu-tenden Flecken oder gar auf stillen Dörfern zu leben; denn es soll ja auch in die kleinstenWinkel, auch in rauhe und durch die zweifelhafte Liebenswürdigkeit ihrer Bewohner ver-rufene Gegenden der Same der Bildung und Menschlichkeit getragen, Recht und Ver-waltung nach den Gesetzen geübt. Unterricht, Tröstung und Heilung dem bedürfendenund verlangenden Volke ertheilt werden. Aber welche unendlichen Klagen über dieseso klare Nothwendigkeit und in welchen Abstufungen!

Am wenigsten, was hoch anzuerkennen ist, hört man bittere Unzufriedenheit vondenjenigen äußern, welche in der Regel am weitesten hinausgeworfen sind: von Forst-leuten, Pfarrern und Aerzten. Namentlich bei den ersteren findet man selbst in denrauhest?» Gegenden in der Regel immer frohen Muth, ein stilles Einleben in die kleinstenund ärmsten Verhältnisse, einen Mangel an Neid und Ingrimm gegen bester gestellteoder höher stehende Standesgenosse», der dem Kenner der Menschennatur eins freudigeRegung ablockt. Kommt man an solchen abgelegenen Orten zu irgend einem frohenFeste solcher wetterharter und biederer Männer, so geht Einem das Herz auf und manmöchte glauben, daß dießdoch bestere Menschen seien."

Auch Aerzte finden sich leicht und anspruchslos in den Aufenthalt an kleineren Ortenund halten oft mit vielem Humor aus, besonders wenn die Praxis eine einträglicheist; aber auch in ganz armen Gegenden, wo der Arzt, abgesehen von dem kargen Lohne,oft Leben und Gesundheit in seinem Berufe wagt, ist jahrelanges treues Aushalten keineSeltenheit.

Nun aber zu den ewig Klagenden und Unglücklichen. Es sind die Juristen undVerwaltungsbeaiuten im engeren Sinne und namentlich deren Frauen, welche ankleinen Orten immer unzufrieden und unablässig von dem Stachel des WeiterdräugenSgeplagt sind.

Sind diese Klagen, diese Wünsche nicht in den meisten Fällen unbillig, könnten sichnicht die Betheiligten selbst ihr Dasein mehr verschönern? Auf die erste Frage könnenwir aus eigener vieljähriger Erfahrung antworten, daß gar viele dieser Klage» nach demobjektiven Bestände nicht unberechtigt sind.

Solche Bemängelungen, daß man nicht die Vergnügungen und Genüsse der Groß-städte genießen könne, wie Theater, Konzerte, Bälle rc. rc., sind freilich rein lächerlich;hier heißt es sich eben einfach bei dem gefallenen Loose beruhigen. Ebenso ist es wenig-stens unbillig, wenn jüngere Beamte, sie mögen so talentvoll sein als sie wollen, nichtbedenkcnd die außerordentliche Konkurrenz und die geringe Zahl der höheren Stellen, sichnach vsrhältnißmüßig kurzem Aufenthalte ewig gekränkt, zurückgesetzt und unglücklich fühlenund mit fieberhafter Anstrengung aus dem N e st e weiter trachten, währsiH wir es einemälteren Herr», der drei, vier oder noch mehr Söhne heranwachsen sieht, allerdings nichtverdenken können, wenn er ängstlich einer größeren Stadt mit Bildnngsanstalten zustrebt.

Und ist es denn in der That gar so arg in den Nestern? Manchmal, dochnicht i m m er. S o n st muß es freilich überall recht gemüthlich gewesen sein, dennfast in jedem Städtchen konnte man schon 1860 hören: Ja, früher, da war es hier schön,da hätten Sie da sein sollen! Oroäut ckuckssus ^ppallu! Es gab sonst und gibtheute noch gemüthliche, gleichgiltige und bösartige Nester. In den ersten verstehen sichdie Beamten unter sich ohne allen Stolz auf ein Stüfchen höher auf's beste; man suchtsowohl im Amte, als im Privntwege nur Frieden und gutes Auskommen und es pflegenBeamte, gebildete Bürger und sonstige Honoratioren einen für alle Theile erfreulichenUmgang.

Ebenso kommen, was eine Hauptsache ist, die Frauen miteinander gut oder