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doch erträglich aus; man bewegt sich zwangslos in Gesangvereinen, Harmonien und der-gleichen; man macht gemeinschaftlich Ausflüge auf's Land, chuf Vergkuppen; — Pikniksund dergleichen und spricht wohl öfter das frohe Wort: „Heut ist's doch wieder rechtschön gewesen!"
Daß solche Orte nicht blos im Reiche der Phantasie liegen, das habe ich selbst inmehr als einem Kreise unseres engeren Vaterlandes erfahren, zwar schon vor geraumerZeit, doch auch aus der Gegenwart vernahm ich erfreuliche Berichte, daß hier und dortdie schöne alte Tradition fortgepflanzt werde.
In den gleichgültigen Nestern, und das sind wohl recht viele, herrscht eineunbeschreibliche Stagnation der Affekts- und Willenskräfte, die oft unter ungünstigenVerhältnissen um so mächtiger gedeihen, allein das gesellige Leben und die Stunden, inwelchen es dem Beamten und Berufsmanne jeder Art vergönnt ist, Mensch zu sein undunter Menschen zu leben, sich zu freuen und andere zu erfreuen, — gehen ihren unbe-schreiblich müden Gang; alles schläft am helle» Tage wie in Dornröschens Zauberburg.Und das Alles trotz Turn«, Sing- und Lesevereinen? Ja wohl. Wo eben kein Leben,kein frischer Pulsschlag der Zeit, keine gegenseitige Neigung vorhanden ist, da kann nurdas Gefühl absoluter Gleichgiltigkcit alle Kreise beherrschen; bleierne Langweile, alltäg-liches Gespräch füllt die langen Winterabende beim Bier, nur das edle Tarokspiel vermageine kleine Unterhaltung zu bieten. Wehe dem Fremde», dem es im Winter zu Theilwird, eine solche Abendunterhaltung mit zu genießen. Glücklich dagegen das abgelegensteDorf, in welchem sich einige Lehrer finde», die den Abend mit Quartetten von Silcher ,Kreuzer, Methsessel rc. verschönern.
Noch schlimmer freilich ist es in den bösartigen Nestern. Hier beleidigt mansich aus geringfügigem Anlasse, oft nur aus persönlicher Antipathie, man ohrAgt, manduellirt, man prügelt sich, namentlich zur Zeit von Wahlen, man vervehmt Mißliebige,setzt sich von ihnen hinweg, wirft sie hinaus.
Manchmal gibt es auch herbe Parteistellungen aus folgendem Grunde. Es weißein hervorragendes Mitglied der Gesellschaft durch glänzenden Aufwand, Schmeicheleien,pantzm vt eiroausen in kleinem Maßstabe, lange Zeit einen großen Anhang um sich zusammeln, während die Stolzen und Mißtrauischen ganz in den Schatten gesetzt werden,bis dann endlich durch die Alles reifende Zeit ein böser Schaden an's Licht kommt unddas hervorragende Mitglied wegen Kassendefekts oder Diebstahls, durch Selbstmord oderim Zuchthause endet. Nun findet vielleicht Reinigung der Luft statt? Weit gefehlt!schlimmerer Haß und Zwiespalt als zuvor!
Ein Aufenthalt an einem solchen Orte ist nun freilich arg und wer ihn Jahrehindurch getragen, dem bleibt er unvergeßlich und er trägt die Narben im Gemüth sei»Leben lang; doch zum Glücke sind ja solche Orte Ausnahmen, es ist eben einfachein Unglück, in einen solchen Sumpf zu gerathen, und unablässiges Streben und Arbeitenherauszukommen nicht nur erklärlich, sondern eine bittere Nothwendigkeit und vom Triebezu leben, geboten.
Solche Schäden zu heilen, steht nun nicht in der Macht der Einzelnen. Hier heißtes Resignation und Forltrachten aus allen Kräften. Nur durch vollständige Erneuerungeines ganzen Personen-Status tritt manchmal Besserung ein, aber nur durch voll-ständige, denn bei unvollständiger treten in der Regel die neu Eintretenden die Erb-schaft des Hasses und der Parteigelüste der Abtretenden frisch und fröhlich an. — Aberan solchen Orten, welche nicht an liefen moralischen Schäden, sondern mehr an Kleinlich-keiten und Schwächen leiden, könnten doch die Betheiligten selbst durch redlichen Willeneine Besserung ihres Zusammenlebens herbeiführen? Gewiß, wenn auch nicht so leichtund schnell; und doch würde sich die Wirkung schon in wenigen Jahren zeigen, wennManches vermieden oder gemildert würde, was wir jetzt mit dem Stückchen des Horaznicht mit der Skorpionpeitschs des Juvenal , berühren »vollen.
Es ist jetzt zum Glücke allgemein anerkannt und zwar auch unter den Beamten