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selbst, daß ein Beamter durch seine Stellung an und für sich keinen Vorrang und keineAutorität im bürgerlichen Leben beanspruchen kann,- durch seine Kenntnisse, durch seineHumanität muß er sich Achtung und Beliebtheit verschaffen. — Polterer und aufgeblaseneMenschen im Stile der Landrichter in den „Fliegenden Blättern " werden heuzutage mitgleicher Münze bezahlt. Das beste Mittel aber von Seite des Bürgers und Bauern,sich eine anständige Behandlung zu sichern, ist ruhige Höflichkeit, ohne Kriecherei und ohneBelästigung, wenn eine Zumuthung als rechtlich unstatthaft zurückgewiesen wird; es stehtja deswegen doch Jedem frei, zum Advokaten zu gehen; nur nicht damit drohen l
Sehr zu vermeiden ist auch das Pochen von Seite wohlhabender Bauern, Brauer,Fabrikanten auf großen Besitz und große Steuer; namentlich die letztere wird oft bitterhervorgehoben, wenn es nicht gleich nach Wunsch geht. Darum, ihr Aufgeblasenen imAmte, deren es ja hie und da noch gibt, seid bescheiden und human; ihr Rschtssucherund Antragsteller desgleichen; und ihr Humanen, die ihr Gott Lob! die Mehrzahl bildet,laßt Euch durch keinen Unverstand, durch keine Plumpheit in Euerer lobenswerthenFührung erschüttern! Was nun Titel- und Nangsucht unter den Beamten selbst betrifft,so hat auch hier die Zeit schon wohlthätig gewirkt; konnte man noch vor 20 Jahrenkaum in einer Abendgesellschaft auf dem Lande sein, ohne beständig die gebührenden Titelhin und her fliegen zu hören, so hat sich dies an den meisten Orten sehr gegeben undes genügt einmalige Nennung beim Kommen und Gehen. Mögen aber auch diejenigen,die denn gar so versessen auf den Titel sind oder gar ihr Stüfchen höher manchmalrecht bösartig geltend machen, hiemir dringend ermähnt sein, endlich einmal dieses Zöpfleinabzuthun und namentlich auch das Stüfchen höher zu vergessen. Leider bös versessensind in diesem Punkte fast überall noch die Frauen. Mit Recht lacht der Franzoseüber unsere Frau Direktor, Frau Inspektor» Frau Bezirksarzt rc. Möchte doch endlichauch dieser lächerliche Mißbrauch aufhören; darum Ihr edlen deutschen Frauen, laßt Euchüber diesen Punkt nicht länger mit Recht von dem Nachbarvolke verlachen, nennt Euchgegenseitig getrost Frau Müller und Frau Schulz« und sollte auch „Euere Waschfrau"ebenso heißen. Dies nicht etwa blos für's Land, sondern auch für die Stadt recht wohlzu beherzigen.
Und an Euch, Ihr Frauen, ist es ferner, eine Quelle recht vielen Uebels ver-siegen zu lassen. Wir meinen die scheinbar unschuldigen abwechselnden Kränzchen oder„Visiten" mit Bewirthung im Hause. Scheinbar unschuldig sind dieselben, allein inWirklichkeit Veranlassung zu vielen Kosten, Anlaß zur Entstehung und Verbreitung üblerNachreden und hauptsächlich sofort nach Verlassen der gastlichen Stätte zur boshaftestenKritik über die Personen, die Bewirthung, die Toilette, die Hauseinrichtung der edlenSpenderin.
Darum wochenlang« Aufregung vor dem Ereignisse der Visite im Hause der Fesl-geberin, ängstliche Revision der Vorhänge, des Fußbodens, der Möbel, Akkorde mit Bäckerund Konditor; denn Hausgebäck wagt man aus Furcht vor Mißlingen schon lange nichtmehr zu bieten, und vor Allem das fieberhafte Streben, wieder Neues und Großartigesaufzutischen, das die Anderen herabsticht.
Glücklicherweise bricht die Uebertreibung der Sache die Spitze ab. Die große»Visiten kommen, namentlich durch energischen Einspruch des Gemahls, mehr und mehrab. Möge auch dieser Zopf bald gänzlich verschwinden und da ja doch geplaudert undgeklatscht werden muß, dieß auf neutralem Boden im Sommer in einer Gartenwirthschaft,im Winter in einem passenden Wirthslokale bei erheiterndem Kaffee und einfachem Ge-bäcke geschehen.
Und nun zum Schlüsse für kleine und große Orte noch eine Mahnung. In morali-sircnden und gemüthreichen Büchern liest man gar viel über den Firniß des gesellschaft-lichen Tones, über die Falschheit der Menschen bei freundlicher Außenseite; laßt, ich bitte"Euch! o laßt beides bestehen und gelten, wie eS ist. Geht nur einmal dahin, wo mansich beständig die Wahrheit sagt, wo die Geister wild auf einander platzen, wo man keine