Unterkiaktunggökntt
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„Ängslmrger postzeitimg."
Nr. 62.
Samstag, 4. August
1883.
Ein Jahr Jogrnleben.
Von Georg Auniüller.
(Schluß.)
Am gleichen Tage hatten die Brüder zu G. . . . Schwesternfest. Aus dem Logen«)aale waren die hohen Säulen der Weisheit, Schönheit und Stärke entfernt, der Altarverhüllt und die dreieckigen Tische der beiden Aufseher beseitigt worden. Dafür prangtenzwei Tafelreihen mit Blumenschmuck geziert im Saale und bald ließen sich die Brüderund Schwestern an demselben zu reichlichem Mahle nieder. Nach den gewöhnlichen Er-öffnungsgebeten der Loge wurde folgendes Lied zum Preise der Schwestern angestimmt:
Es strömt des Himmels reichster SegenHerab auf jede Maurcrbrust,
Und durch der Schwesten LiebesregenWird Gram zur Freude, Wohlthun Lust.
Theilt mit den Schwestern, theure Brüder,
All' euren Kummer, euren Schmerz,
Ihr findet stets den Frieden wiederIm treuen Schwesternherz.
Die Welt mit ihrem Trug und LügenMit ihrem Eigennutz und Hohn,
Wem kann dies Jammerthal genügen?
Nur deni profanen Erdensohn.
Doch gibt's noch eine heilige StätteIn Glück und Unglück, Lust und Schmerz,
Das ist in unserer LogenstätteDas treue Schwesternherz.
Das Haar wird weiß, und aus den WangenErbleicht das jugendliche Roth,
Bald kommt das Alter dann gegangenMit seinen Mühen seiner Noth.
Doch laßt die Haare nur ergrauenVon dieser Erde Harm und Schmerz,
Dann erst kannst du recht sicher bauenAus's treue Schwesternherz.
Was war es doch, das Paul so sonderbar erregte, als er in den Gesang ein-stimmte? Saß ja doch seine Friederike neben ihm und ihre Nähe hatte bisher jedenGram von ihm verscheucht. Und doch schnürte ein unbestimmtes, banges Gefühl ihm dieBrust zusammen, daß er kaum die Wolken von seiner Stirne scheuchen konnte. Jetztfiel des Meisters Hammer dreimal in wuchtigen Schlägen auf den Tisch, und der BruderRedner begann:
Meine lieben Brüder und Schwestern! Die besten unserer deutschen Sänger wett-eiferten im Preise der Frauen, ja sie stellten Frauenliebe und Frauenlob als Maßstabder Bildung und des Charakters eines Mannes auf. Ich möchte heute nur an unsernunsterblichen Schiller erinnern: