490
„Ehret die Frauen, sie flechte» und wedeltHimmlische Rosen in's irdische Leben,
Flechten der Rose beglückendes Band"',
so beginnt der Sänger sein Lied von der Würde der Frauen. Wer von uns hat nichtschon sich den Duft dieser Rosen eingesogen, wer nicht Liebesglück empfunden? Kaumden Knabenschuhen entwachsen schleicht sich in unser Hrrz der Sehnsucht süßes Hoffen undes beginnt der erste» Liebe goldne Zeit, wie da der Dichter singt:
Das Auge sieht den Himmel offenEs schwelgt das Herz in Seligkeit,
O, daß sie ewig grünen bliebe,
Die schone Zeit der sungen Liebe!
Wage Niemand störende Hand an dieses Glück zu legen. Die Jahre fliehenvon selbst und bald beginnt die Zeit des Ringens und Strebens für den Mann, dieSorge für Haus und Kind, für das Weib. Und welch' tiefes Wehe schnürt des MannesBrust zusammen, wenn schwer und bang der Glocken Grabgesang den Tod der Gattinund Mutter verkündet! Doch hinweg mit solch' trüben Bildern; stehen mir ja doch mittenim Leben, blühen ja doch unsere Schwestern gleich farbenprächtigen duftigen Blumen,winkt uns ja noch immer der Becher der Lust. Ihn wollen wir ergreifen und mitgierigen Zügen leeren. Und wüßten wir, wo Einer traurig läge, wir brächten ihm diesenFreudenbecher und er müßte zu neuem Leben erwachen. Euer Amt aber, geliebte Schwestern,ist eS, zu sorgen, daß der Labetrunk im Becher nie versiege und das ewige Feuer schönerGefühle mit heiliger Hand stets genährt werde. Denn wenn diese Quelle versiegt, wenndiese Flamme erlischt, dann dürft Ihr nicht klagen, wenn der Mann trostlos umherirrtoder an anderm Feuer sich erwärmt. Es ist sein Recht nach des Tages Mühen beiEuch Erholung und Freude zu suchen. Wollt oder könnt Ihr sie ihm nicht gewähren,dann zürnet der Schwester nicht, in deren Busen der Arme seinen Gram senkt." —
Hier wurde der Redner unterbrochen. Der dienende Bruder brachte ein als sofortzu bestellendes Telegramm und übergab es dem Meister vom Stuhle. Dieser las eSund gab eS lächelnd dem Vater Friederike's, mit dem er leise einige Worte wechselte.Auch auf dessen Gesicht zeigte sich unverkennbare Freude, und nachdem auf einen Blickdes Meisters der Redner mit einigen Phrasen zu Ende geeilt war, erhob sich der deputirteMeister und brachte ein dreifaches Hoch auf alle liebenden Paare aus, denen baldigeVereinigung bevorstehe. Dabei ruhten seine Augen so auffallend und zufrieden auf seinerTochter und Paul, daß Niemand im Zweifel war, es seien günstige Nachrichten Betreffder beiden eingelaufen. Doch vergebens bat man den Meister um Aufklärung. Manbrachte nur so viel aus ihm heraus, daß Bruder Folger Günstiges mitgetheilt habe.Nur Friederike gelang es, von ihrem Vater die Worte: „Sie stirbt" — zu erfahren. —Paul kam es vor, als benehme sie sich henie vor der großen Gesellschaft freier, als eseinem Mädchen gezieme; aber ihre wonneverheißenden Augen, ihr Liebesgeplaudsr undder schäumende Wein, den sie ihm reichlich in das Glas goß, verscheuchten alle Grillen.Erst nach Mitternacht trennte sich die Gesellschaft und Friederike's Vater lud Paul selbstein, seine Tochter nach Hause zu geleiten. —
Die Sonne stand hoch am Himmel als Paul aufstand und zu seiner Ueber-raschung ein Telegramm auf seinem Schreibtische liegen sah. Hastig öffnete er es undlas stieren Auges die Worte: „Ihre Frau todt — Beerdigung unaufschiebbar. DoktorSchuster." — Tiefaufstöhnend mußte sich der starke Mann mit beiden Händen an deinSchreibtische halten, um nicht zu Bode» zu sinken.
Das also hatte gestern so große Freuds in der Loge erweckt, darum hatte Friederikesich weniger Zwang angethan, darum war sie Nachts nach Hause von ihm geleitet worden!Sich und die Welt verfluchend warf sich der gebrochene Mann, in dessen Brust die Liebezu seinem Weibe noch nicht ganz erloschen war, auf das Bett und raste in ohnmächtigerWuth, bis ein Thräncnstrom d^ Verzweiflung hinwegfnhrte und nur das tiefe Wehe in