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seiner Brust zurückließ. Dann ermannte er sich, eS galt, vielleicht das liebe Gesicht »sch-mal zu sehen oder doch wenigstens in die Gruft hinabzublicken, in die sein Weib gesenktwerde» sollte zu ewiger Trennung. Gab es kein Wiedersehen, keine Verzeihung, wa<sei» Weib mit Groll auf ihn geschieden für immer, sollte der Mund sich nie mehr zueinem Worte der Vergebung sich öffnen? Nie mehr — sagte sich der Mann und neueVerzweiflung bemächtigte sich seiner. Endlich raffte er sich auf und wankt« nach demBahnhöfe. Die Leute auf der Straße blieben stehen und zeigten mit Fingern auf diezerrüttete Gestalt. Der diensthabende Beamte wies ihm mitleidig ein eigenes Coupö an,wo er während der traurigen Fahrt alleinig mit sich und seinem Schmerz war. Nachlanger, wiederholt unterbrochener Fahrt, kam endlich die letzte Station. Als der indumpfem Brüten dahinwandelnde dem Wagen entstiegen ivar, trug ihm der Wind bange,dumpfe Klänge aus dem Pfarrdorfe entgegen. Es war das Grabgeläute seines Weibes.Paul ahnte es; unwillkürlich öffneten sich die Lippen des Ungläubigen zum Todtengruße.„O Herr, gib ihr die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr, Herr, lasse sie ruhenin Fielen«, betete zum ersten Male nach Jahren wieder Paul mit gefallenen Händen.Dann raffte er sich auf, die Glocke» mahnten zur Eile. Dort vor dem kleinen Häuschenstand der einfache Sarg, der Mutter und Kind enthielt. „O Herr gib ihr die ewigeRuhe", beteten die Leute, die aus allen Ortschaften der Umgebung gekommen waren, zumletzten Geleite. Nun stand Paul vor dem Sarge. Der Thränenquell war versiegt, nurdie Bläffe des Gesichtes, die gerötheten Augen und heftiges Zittern des ganzen Leibeszeigten von den furchtbaren Qualen des Mannes. Erst als er sein mutterloses Kind ansich drückte, da verlieh ihm neuer Schauer wieder Sprache und Thränen. So stand eram Grabe und hörte die Worte des Geistlichen: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt undich auferstehen werde am jüngsten Tage." Und als derselbe dann in rührenden Wortendie Verblichene als Muster eines Weibes» einer Mutter darstellte, deren letztes WortLiebe gewesen sei, da glaubte Paul das Wort der Vergebung von den blaffn« Lippenzu hören und im brechenden Auge die Hoffnung des Wiedersehens zu lesen. Ruhiger,als er gekommen verließ er die letzte Ruhestätte seines Weibes, nachdem er der Todtengeschworen hatte, nur ihrem Andenke» und seinem Kinde zu leben. —
Täglich sah man nun Paul mit der kleinen Lina am Grab« Elsa's, nicht wenigerselten besuchte er den würdigen Pfarrer, in dessen Umgang allmalig der längstgesuchte Friedein sein Herz einzog. Nach G. . . . hatte er geschrieben, seinen Austritt aus der Logeerklärt und Friederike mitgetheilt, daß er in Entsagung und Reue die Verzeihung seinesWeibes, Ruhe und Frieden erlangen, der Erziehung seines Kindes sein Leben widme»wolle. Zugleich richtete er an seine vorgesetzte Behörde das Gesuch um Enthebung vonseiner Stelle, um sich fortan in Stille und Einsamkeit dem schriftstellerischen Berufe hin-zugeben. So Mancher, der blinden Auges schon der gähnenden Tiefe des Verderbenssich nahte, wurde durch sein warnendes Wort zur Umkehr bewogen. Auf einer Tafelaber, die zwischen Blumen auf Elsa's Grabe liegt, steht folgendes Lied:
Es wallt ein Licht ob dieser Welt,
Das ihrer Stürme Nacht erhellt.
Gleich wie dem Aug' das Morgculicht,
So glänzt der Glaube dem Gemüth.
Wenn der Erfahrung Bild die BrustMit Schmerz und Wehmuth fülltlind uns des Tages Schwüle drückt,
Das Herz im Glauben Trost erblickt.
Und ruft aus Grabnacht bang und dumpfDer kalte Tod Triumph! Triumph!
Mild strahlt von deinem AngesichtO Glaube, Licht, des Himmels Licht.