Der IvdOjährige Rosenstock in Hildesheim
Als alter Hildesheimer laste ich eS mir nicht nehmen, alljährlich im Junimonatunserm tausendjährigen Rasenstücke an der Chorwand des Domes einen Besuch abzustatten.Das ist die Zeit, in der er seine Blüthen treibt, die Zeit also, in welcher sein Anblickam lieblichsten und zugleich am ergreifendsten ist. Hat er dann seine glühenden Augenaufgeschlagen, so sieht er den sinnenden Beobachter so eigen an, als wollte er ihm singenund sagen von uralten, längst vergangenen Zeiten, deren Zeuge er gewesen, und alsderen lebender Zeuge er jetzt noch dasteht. Begleite mich, lieber Leser, im Geiste dorthin,und laß uns dort sub rosa ein wenig plaudern!
Aber da könnte mir vielleicht Jemand kommen und, von der Zweifelsucht derGegenwart angekränkelt, über meine Worte lächeln und sagen, mit der Giltigkcit diesesZeugnisses möchte es nicht weit her sein, Noch in der letztvergangenen Psingstwoche hatman ja von einem Hildesheimer Herrn in einem Vortrage, welchen derselbe vor dem„Historischen Verein für Niedersachsen " hielt, hören können, der Nosenstock sei nach Ansichtbotanischer Autoritäten nicht älter als 300 Jahre — eine Aeußerung, welche natürlichvon den Zeitungen sofort colportirt wurde. Wie erbebend ist nicht das stolze Bewußt-sein, an der Hand der neuesten Forschungen veraltete Meinungen zu überfliegen undnamentlich auf Sagen und Legenden des katholischen Volkes vornehm hinabzublicken?
Aber sachte! So schnell ziehen wir die Segel nicht ein. Abgesehen davon, daßjener Herr keine einzige der „botanischen Autoritäten" namhaft gemacht, so sind bloßeBehauptungen wohlfeil wie Brombeeren und schlagen daher bei dem Freunde der Wahr-heit nicht zu Buche. Von offenbar sehr berufener Hand werden wir dagegen in einemArtikel der „Kornacker'schen Zeitung" auf eine Stimme hingewiesen, welche sich überalldes besten Klanges erfreut, auf die des verstorbenen Professors Leunis nämlich, welcherdas Alter des Nosenstockes auf tausend Jahre schätzte. Das Urtheil dieses allverehrtenForschers ist in diesem Falle wichtiger, als er die eigenartige Entwickelung des Stammesgenau beobachtet hat.
Während im Laufe der Jahrhunderte die oberen Zweige bei starkem Frostwetterzum öfteren litten, ja sogar gänzlich abstarben» erhielt der eigentliche Wurzrlstamm dasLeben und trieb neue Zweige in die Höhe. Er konnte dieses seiner geschützten Logewegen. Unter dem mittleren Altar der Domgruft kommt er aus der Erde, geht zunächstdurch ein steinernes Gewölbe von 2 Fuß Höhe und 5 Fuß Breite und hierauf durch die6 Fuß dicke Mauer der Apsis — dann erst wird er nach außen sichtbar und erhebt sichknollsnartig wenige Zoll über der Erde, um in die einzelnen Triebe überzugehen.
Nein, wir beneiden die niedersächsischen Historiker um den gehörten Vortrag nicht»Wäre es nicht auch paffender gewesen, gerade den Historikern mit historischen Autoritätenund vor Allem mit historischen Thatsachen aufzuwarten? Aber gerade die geschichtlichenZeugnisse sprechen anders. Namentlich ist da hervorzuheben, daß nach der Feuersbrunstdes Jahres 1046, bei welcher jedoch die Krypta verschont blieb, Bischof Hszilo beiGelegenheit seines Wiederaufbaues den Nosenstock als ein „merkwürdiges Denkmal derVorzeit" ehrte und ihn schonend ummauern und aufwärts leiten ließ. Mit vollem Rechteschrieb daher Professor Cramer am Gymnasium Josephinum im dritten seiner immer
seltener werdenden „Physischen Briefe" (Hildesheim 1792): „Er bleibt immer bewunde-rungswürdig, wenn man sein ungeheures Alter bedenkt; denn unter allen Stämmen undStauden in ganz Europa wird es keine geben, wovon man mit so vieler Gewißheit dieJahrhunderte ihres Daseins zeigen könnte."
Ich begrüßte also die Zeitungsnotiz, daß am 5. Juni die ersten Blüthen desNosenstockes sich geöffnet, mit Freude — erscheint mir doch eine solche Nachricht vielinteressanter, als ein Bulletin über den Gorilla-Affen, welchen neulich ein boshafter
Berichterstatter den Berlinern in ihr Stadtwappen empfahl. Einige Zeit darauf öffnete
mir der freundliche Domcustos die Pforte des Kreuzganges, und wieder einmal sah ich