Ausgabe 
(4.8.1883) 62
 
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den allen Freund in seiner blühenden Verjüngung. Allerdings sind die Rosen daranin diesem Jahre nicht so zahlreich als sonst gewesen. Wer daher geneigt ist, in ihm einelieu-i lum'umlis (den geheiligten Baum des alten Rom) zu erblicken, dem kann es nichtschwer werden, hier seine Phantasie auf die traurige» Zustände zu richten, denen dieHildesheimer Stadt und Diöcese verfallen sind. Der Culturkampf hat uns wahrlich nichtauf Rosen gebettet! Und wie wird es im nächsten Jahre aussehen? Wird sich uns derSpruch bewähren: Zeit. bringt Rosen? Immerhin ist die Blüthenpracht des Rasen-stückes, wenn auch nicht so voll als im Vorjahre, herrlich genug, unsere Aufmerksamkeitzu fesseln und unsere Empfindung zu erwärmen.

Ja, dieser Nosensiock! Man niag ihn sehen, so oft man will, man kann es nicht,ohne von ehrfurchtsvollem Schauer ergriffen zu werden. Ewiger Jugend sich erfreuend,sah er die Geschichte einer Welt auf den Flügeln der Zeit vorübereilen. Er sah dieersten Strahlen der christlichen Enadensonne das Dunkel des altgermanischen Heiden-thums durchblitzen von jedem Tage an, als das Religuiengefäß Ludwigs des Frommen,Unser leven Frouwen Hyligthum genannt, an seinen Zweigen hängen blieb. Er sah dievielen heiligen und gottesfürchtigen Bischöfe, Priester und Laien, welche im Hildesheimer Bisthum erblühten, wie die Rosen an seinen Ranken. Aus den verheerenden Feuers-brünsten ging er, von höherer Hand beschützt, unversehrt hervor. Aus seinem Holzewurde das mit Gold, Edelsteinen und Perlen reich geschmückte Muttergottesbild geschnitzt,welches auf dem Hochaltare prangte und vor dem die Disnstmannen dem neugswähltenBilchofe huldigten. Er erlebte manchen Sturm, der über die Diöcese hintobte undmanches hinwegfegte, aber dann auch wieder bessere Tage. Mehr als ein übermüthigesHaupt sah er sich in den Staub beugen und manch' ungerechtes Reich in Trümmerstürzen.

Doch trotz einer mehr als tausendjährigen Vergangenheit, trotz der Last seiner Jahrelassen LebenSmulh und Lebensfreudigkeit nicht von ihm ab. Er wird nicht müde, frischeRanken zu treiben und im Schmucke junger Blüthen zu prangen. Dazu rechts und links- die üppigen Gewinde des wilden Weines, welche die Säulen des unvergleichlichen Kreuz-gangeS in seinem oberen Geschosse zum Aerger der Architekten, aber zur Freude derMaler auf das Neizenoste umkleiden oben in der Höhe die goldene Domkuppel, andie alte Heldenzeit und den Schutz der heil. Jungfrau gemahnend unten die Gräberder Bischöfe und Domherren, darunter so manche bekannte Namen aus der Ferneder Gesang einer einsamen Drossel, an den dort verstummten, aber will's Gott baldwieder erschallenden Psalmengesang erinnernd; das alles wirkt geradezu überwältigend.Und damit der Leser sehe, daß man nicht gerade Hildesheimer zu sein braucht, um sozu fühlen, will ich noch, ehe wir von diesem köstlichen Plätzchen scheide», das Zeugnißeines Berliner Reisenden anführen:Ich wüßte wenig Stellen der Erde, auf denen sichdas unverwüstliche Leben der Natur schmückend, um ehrwürdiges, kunstvolles, verfallendes,steinernes Mciischeiiwerk drängt, die einen stärkeren holderen poetischen Zauber üben, alsdieser Dom- und Klostergarten. Das Bild der alten trümmerhaften sarazenischen Kirche8. Oiovrmui clojUi lWvmiri bei Palermo in seiner grünen, verwilderten, südlich üppigenPracht, die um die trümmerhaften Kreuzgänge wuchert und, von ihnen umschlossen, dust-strömend im glühenden Lichte der Augustsonns vor mir dalag, trat mir plötzlich wiederklar vor die erinnernde Seele. Hier ist dessen poetisch-malerischer Verwandter. Aberder hoheitvolle Bau des Domes, die ernste und zierliche Anna-Kapelle, welche hier auf-ragen, und die deutsche traute Heimathlust, welche um diese grauen Mauern, im Laubedieser Gebüsche flüstert, sie machen ihn mir doch »och unvergleichlich lieber, als jenen ob! auch noch so wundervollen Winkel bei der prächtigen Normannenstadt dort im Süden aufder seinen Aetnalnsel im blauen Meer."