Ausgabe 
(4.8.1883) 62
 
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das ich unter den oft seltsamen Belustigungen unserer modernen Gesellschaft in dieKategorie der Sticrgefechte einreihen würde, dürfte ich »»ich befreundeten Fanatikern diesesSportes gegenüber zu so engherzigem Gesichtspunkte bekennen und mich zu Denen reihen,die in England selbst schon für die Beseitigung dieses Zeitvertreibes thätig sind.

Wie aller Sport nämlich, hat auch dieser seine kulturelle Bedeutung: er soll dieSchußfertigkcit und Sicherheit in der Geflügeljagd ausbilden, und das ist gut, sehr gut:Wenn alles Wild, das in Wald und Fluren lebt, nur dazu geboren wird, um todt-geschossen zu werden und auf die Tafel zu kommen, so wird es gleichgiltig sein, wie eserlegt wird, und ein sicherer Schuß ist für den dem Tode Geweihten immer eine Wohlthat.

Trotzdem mag es für empfindsame Gemüther etwas Beleidigendes, je nachdemsogar etwas Empörendes haben, wenn sie hier in Monte Carlo unfreiwillig vor demtir nux pißküim stehen. Ueber den zu Füßen des Casinos sich im Halbkreise in dasMeer erhebenden grünen Rasen flattert nämlich, wenn wir an die Balustrade der Rotundetreten» vor uns ein blaues Tüubchen aus dem Grase auf, eines von jenen, die wir täg-lich auf dem Dachgesimse desHotel de Paris" in langer Reihe dicht gedrängt bei-sammensitzen sehe».

Ein Schuß knallt über den Plan und über das Meer. Die Taube sinkt getroffenin kaum begonnenem Fluge. Ein weißbunter Jagdhund trabt im Geschäftseifer daher,gibt dem Thierchen den Nest und trägt es zurück unter das Dach des Schweizerhäuschenzu unseren Füßen; ein Diener in kurzer Jacke kommt gelaufen, öffnet eines der fünfKästchen, die im Halbkreis, in Entfernung von einigen Metern sich auf dem Rasen ab-zeichnen, klappt den Deckel wieder zu und läuft zurück.

Wieder flattert aus einem dieser Kästchen eine Taube auf; wieder ein Schuß undwieder erscheint pflichteifrig der Jagdhund.

So wiederholt sich das blutige Schauspiel gegen Ende der Woche den Tag hin-durch, das berühmte Taubenschießcn von Monte Carlo, das Sportvergnügen des Pigeon-Shooting-Club, der seine Mitglieder, wie gesagt, unter den Cavalieren aller Welttheilezählt. Das kleine Gebäude auf der Terrasse enthält einen langen nach dem WasserHinausschauenden Saal, daneben den Taubenschlag, dem noch ein Reserve-Pavillon fürdie Unterbringung von mindestens zehn Tausend dieser Thiere dient.

Strenge Gesetze liegen diesem Sport zu Grunde; dieselben schreiben Caliber undBlei vor. Es können Fremde gegen Tageskarten von 20 Francs eingeführt werden;Preise werden erschossen. Der Schütze wird aufgerufen und darf die vorgeschriebeneDistanz nicht überschreiten, auch die Flinte nicht an die Schulter legen, es sei denn, erließe der Taube Zeit zum Ausflug. Auf sein Zeichen wird eins der Kästchen, in welchemje eine Taube sich befindet, durch einen Zug geöffnet; will sie nicht auffliegen, so belltsie der Hund heraus. Fällt die Taube getroffen über den Rand des Rasens, so istder Schuß Null, d. h. nichtdou".

Es würde mich zu weit führen, wollte ich das Reglement hier delailliren. DerClub zählt die glänzendsten Namen, der höchste Preis beträgt 20,000 Francs. Fürden zuschauenden Laien sieht die Sache sehr leicht aus, die armen Thiere, wie sie ebenaus dem Kasten aufsteigen, hinwegzuschießen, die Schwierigkeit liegt aber darin, eineSerie zu treffen, und das ist auf dem grünen Plan fast so schwierig, wie oben an dengrünen Tische». Die geschossenen Tauben kommen den Hospitälern zugute, und das istnach allgemeinen Begriffen das einzige Gute an der Sache.

Ob auch die Armen dieses Liliputstaates dabei zu Gaste gehen, weiß ich nicht.Mir ist, so oft ich die Niviera in der Nähe von Monaco besuchte, kein solcher hier be-gegnet. Man macht hier eben nur Arme und schickt sie mit einem Viaticum nach Hause.Und mit dem letzteren haben die Spielbanken seit ihrem Bestehen nie kargen dürfen, umnicht ein Proletariat um sich her zu schaffen, das sie täglich mit drohenden Fäusten um-lagern würde. Man gibt den Unglücklichen, die ihre letzten Francs verspielt haben,