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den» er fühlte, dachte und lebte sozusagen jetzt nur mehr in dem Ideal, das er sich vor»Amerika geschaffen hatte. Dort wollte er seinen Kindern eine sorgenfreie Existenz gründen,dort glaubte er den Frieden, die Freude und das Glück wieder zu finden, ohne vonseinen, Bruder darin gestört werden zu können; denn dieser, sein einziger Feind, den erauf Erden hatte, war dann durch den Ocean von ihm getrennt und vielleicht erwachtedann Neue über seine Lieblosigkeit in seinem Herzen. So dachte Seppli. Als er offenersein« Absicht aussprach und fein Bruder hievon Kenntniß erhielt, stieß derselbe ein grellesGelächter aus, und er rief: „so ist es mir doch endlich gelungen, ihn zum Räumen ge-zwungen zu habe», nun erst werde ich wieder neu ausleben!'
Obwohl diese Auslassungen allerseits als Ausflüsse eines verderbten Gemüth's er-kannt wurden, so wagte doch Niemand ihn hienach zu verurtheilen, denn man fürchtetetzie Feindschaft dieses Menschen und der Brand des Hauses seines Bruders war Allenals Warnung noch wohl in Erinnerung. — Man mied daher seine Gesellschaft so vielwir möglich, unterhielt aber aus Furcht vor diesen, gefährlichen Nachbar», demungeachtetden nöthigsten Verkehr mit ihm. Leo nahm diese Stimmung sehr wohl wahr, und wenner auch darüber zu lachen schien, so fühlte er sich doch auf's Tiefste dadurch getroffenund zog sich, nur mit seinen häuslichen Arbeiten beschäftigt, von aller Gesellschaft zurück.
Aber auch in seinem Hause hatten sich, seit sein Bruder nach Sarnen zog, die Zu-stände verschlimmert, seine Frau sollte immer die Ausbrüche seines üblen Humor's er-tragen und da Nachgiebigkeit nie ihre Sache war, folgten sich Zank, Streit und Zorn«ausbrüche fortwährend. — So ging es fort, bis sie einmal in die Worte ausbrach:„Willst Du es etwa mit nur, wie mit dem guten Seppli machen?" Nun war es aus,er schäumte vor Wuth und sie konnte nur durch die schleunigste Flucht seinem Zorneentgehen. — Dieser Borwurs ließ jedoch in seinem Herzen einen Stachel zurück, derimmer tiefer drang, bis er endlich die Stimme des Gewissens wach rief, und wenn dieseeinmal laut wird, dann schweigt sie auch nicht mehr und selbst inmitten des lebhaftestenTreibens, schlägt sie an unser Ohr und macht uns Beben vor Schreck wie ein Donner-schlag während des Schlafes. — Ein verhärtetes Gemüth kann sich vielleicht langesträuben gegen diese geheimnißvolle Macht, aber endlich unterliegt es doch, wenn auchbisweilen erst in. der Sterbestunde. Und so begann denn auch bei Leo diese Stimme inseinen einsamen Stunden gleich einem fernen Echo laut zu werden.
Das Auswanderungsproject in Sarnen war inzwischen so weit gediehen, baßSeppli sei» Haus und seine Gründe bereits ausgeschrieben hatte; es fand-sich auchals bald ein Käufer, der ihm eine hübsche Summe hiefür bot, die ihm schon erlaubte»sich in Amerika anständig anzusiedeln. Schon waren mehrere Emigranten auf dem Wegenach Amsterdam , welche Stadt als Sammelort zur Einschiffung bestimmt war» aber Sepplikonnte sich diesen nicht gleich anschließen, da er in Sarnen noch manches zu ordnen hatte.
Vielleicht verzögerte er das Scheiden unwillkürlich, ohne sich selbst darüber Rechen-schaft geben zu können; denn erst im entscheidenden Augenblick, sing er fast zu bereuenan> daß er sich von seinem theuern Vaterland«, von seinen blauen Bergen und seinengrünen Wiesen trennte. Marie, obwohl von bangen Ahnungen und Schinerz erfüllt,mußte ihn zuletzt mahnen, in Anbetracht, daß der bestimmte Termin zur Abfahrt desSchiffes immer näher rückte, sich zur Abreise zu rüsten; er beruhigte sie jedoch mit derVersicherung, daß sie durch rascheres Reisen, dennoch rechtzeitig eintreffen würden.
Noch lag ihm ein Gedanke schwer am Herzen; es drängte ihn immer mehr, vordem Verlassen des heimathlichen Bodens, noch einen Versuch zu machen, von seinemBruder friedlich Abschied zu nehmen, wenn er sich auch nicht verhehlen konnte, daß dieserBesuch vielleicht alte Wunden aufreißen werde, statt solche vernarben zu lassen. Aberseine Herzensgute hatte schließlich alle Bedenken überwunden, und eines Tages war erauf dem Wege nach Lungern . Zuerst besuchte er das Grab seiner Eltern. Er hieltsich lange auf an dieser Stätte und betete mit Inbrunst, auf daß sie bei Gott, für ihnSchutz erflehen möchten zu seinem Unternehmen. Nachdem er sein Gebet vollendet, ama