Ausgabe 
(15.8.1883) 65
 
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er, Thränen in den Augen, an seinem eingeäscherten Vesitzthum vorüber und richtete dannseine Schritte nach dem Hause seines Bruders«

Leo hatte ihn gemährt, und Gott mag wissen, was in seiner Seele vorging, alser seinen Bruder am Grabe der Eltern so inbrünstig beten sah. Er wechselte die Gesichts-farbe und seine Hand zitierte, als er nach seinem Bergstock griff. Erstaunt fragte ihnseine Frau, wohin er noch gehen wolle, nachdem das Mittagmahl schon bereit sei.Dukannst es mir auf die Seite stellen-, antwortete er, den Kopf zurückwendend,ichmuh noch auf die Alp gehen, ich hätte es schier vergessen, und muß mich eilen-, woraufer rasch das Haus verlieh.Was mag ihm so plötzlich in den Sinn gekommen sein,und wie es schien, war er ganz erschreckt ....." murmelte sie leise»was soll dasheißen? ....."

Bald sollte sie es wissen, was es bedeutete, als sie kurz darauf Seppli sah, dersich langsamen Schrittes dem Hause näherte. Sie war in der That gerührt, als sie ihnbei seinem Eintreten so blaß und niedergeschlagen sah. Nachdem er sie mit bewegterStimme gegrüßt hatte, ließ er sich mehr auf die Bank fallen, als er sich setzte, und denKopf in die Hand gestützt, sing er bitterlich zu weinen an. Auch Leo's Frau hindertendie Thränen, ein einzig Wort zu erwidern und es verging eine geraume Zeit, bis Sepplidas Haupt erhob und nach seinem Bruder fragte.

Er ist auf die Alp gegangen! ach, armer Seppli, mußte, es dahin kommen!"sprach sie, ihn mitleidig betrachtend.

Ja, warum mußte es so weit kommen!" entgcgnete Seppli traurig,doch, wasgeschehen ist, ist geschehen ..... es thut mir unendlich leid, Leo nicht noch einmalgesehen zu haben, es ist leider ein Scheiden für immer. Sagt ihm meine Grüße und

versichert ihn, daß ich keinen Groll mit mir nehme. Am Grabe unserer Eltern und un

der Stätte meines abgebrannten Hauses, habe ich alle Bitterkeit abgestreift, die mich so,lange erfüllte. Möge auch er mir verzeihen, denn auch ich mag gegen ihn gefehlt

haben, und wenn meine Abreise ihm nun den Aufenthalt friedlicher machen sollt.', so

möge er doch bisweilen dann auch denken, daß es nur seinetwegen geschah» daß ich mitgebrochenem Herzen meine liebe Hcimath verließ."

Hierauf drückte er die Hand seiner Schwägerin, die mit großer Rührung undthränenden Auges ihn scheiden sah; er wünschte ihr noch Frieden und Gottes Segen,und verließ rasch das Haus.

Am Abend desselben Tages bei heiterem Mondschein, verließ ein Wagen mit großenKisten beladen, auf denen eine Frau mit ihren Kindern saß, das Gerner'sche Haus.

II.

Es war fast Mitternacht als Leo heimkehrte. Seine Frau wachte noch und saßstrickend am Tische, die Augen noch feucht von Thränen. Als sie ihn fragte, ob sie nochetwas auftragen sollte, verneinte er, aber in so ruhigem und gelassenem Ton der Stimme»wie sie es nicht an thu» gewohnt war. Er blieb lange schweigend und gedankenvollsitzen, bis seine Frau, die seine Stimmung nicht unterbrechen wollte, endlich aufstund,um sich zur Ruhe zu begeben.Ist er dagewesen?" fragte er noch sichtlich bewegt»--Ja", erwiderte sie,er wollte nicht mit Bitterkeit in« Herzen für immer von Dirscheiden; er läßt Dich herzlichst grüßen und verließ mich, noch Gott bittend, er möge

seinen Segen über uns walten lassen."-Leo neigte den Kopf auf die Brust herab

und blieb lang in dieser Haltung, wie ein Mensch, der in peinlichen Gedanken versunkenist; es war gegen 2 Uhr als er die Schlafkammer betrat, um zu Bett zu gehen.Ohngeachtet er von seinem Marsche sehr ermüdet «vor, wollte doch kein Schlaf in seineAugen kommen, so ivar er innerlich bewegt, und als er seine Frau schlafen glaubte,seufzte und ächzte er, als läge ein großer Kummer ihm am Herzen, dabei sprach er ab-gebrochene Worte, die seine Frau nur Iheiliveise verstand sie aber völlig beruhigten, dasie daraus seine guten Gesinnungen gegen Seppli entnehmen konnte. Die Sonnestieg allmälig über die Berge empor und warf ihre freundlichen Strahlen in'S Thal.