Ausgabe 
(15.8.1883) 65
 
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Leo lag noch unter convulsivischen Bewegungen und mit Thränen in den Augen auseinem Lager. Seine Frau that, als gewahre sie nichts davon, in der beruhigendenUeberzeugung, daß auf eine so heftige Krise sicherlich Ruhe eintreten werde.

Als er später in die Wohnstube kam, war er ernst und gelassen, aber doch nichtfrei von einiger Unruhe. Seine Frau, die sich den Schein gab, als ginge sie, ihn un-beachtet lassend, ihrer gewöhnlichen Beschäftigung nach, ließ ihn doch nicht aus den Augen,und während sie am Herde stand, sah sie wie er durch die Hinterthür aus dem Hauseund nach der Brandstätte ging. Der Schutt war längst verschwunden und der Platzwar zur Wiesfläche, wie ringsum. Das menschliche Herz bewahrt aber langer die Spure»unheilvoller Begebenheiten, als die Natur, in der neues Leben gar bald die Merkmaleder Zerstörung verlischt.

Als die Morgensuppe aufgetragen wurde, schien keines Lust zu haben davon zugenießen und Leo's Blicke richteten sich oft durch das Fenster nach der Stelle, wo dasGeschäft seines Bruders stand.

Ich weiß nicht, was in mir vorgeht", hub er an,es ist mir, als wenn ringsum uns eine Einöde wäre, in der wir völlig vereinsamt stünden."

Das ist auch mir so", antwortete seine Frau, ohne die Augen zu erheben,einegute, freundliche Nachbarschaft wäre jedenfalls angenehm, um so mehr, wenn man imAlter vorschreitet und von lauter Nachbarn umgeben ist, denen man, gelinde gesagt, völliggleichgültig ist

Da ist nur heute, ich weiß selbst nicht wie, ein Gedanke gekommen", unterbrachsie Leo nach einigem Ueberlegen,sage, was hälft Du davon, wenn wir das Haus daüben wieder aufbauten? Der Brunnen wäre auch schon da."

Dies wurde in einer Art gesprochen, daß seine Frau wahrlich hierüber erstauntwar, denn noch nie hatte sie ihn in so eigenthümlichem» wohlwollendem Tone sprechenhören.Ja, wenn Du Lust dazu hast", erwiderte sie,warum nicht, wenn wir nur"fügte sie leise bei,auch Kinder hätten, für die wir es verwenden könnten."

Ja, wenn wir Kinder hätten!" rief er schmerzvoll und ergriff mit inniger Theil-nahme ihre Hand, was ihr schon lange nicht mehr widerfahren ist,aber man muß sichin das Unabänderliche fügen, und zudem glaube ich immer, daß wir nicht ohne natür-liche Erben sterben werden."

Was meinst Du damit?" fragte die Frau erstaunt.

Höre!" erwiderte er, die Hand über die Stirne haltend,mir däucht, daß dieKinder Seppli's eines Tages wiederkehren werden und es wäre dann doch für michgewissermaßen eine Pflicht, ihnen eine Unterkunft bieten zu können."

Wenn Du diesen Gedanken hegst und es für eine Pflicht hälft, so fange ohneSäumen an, Deinen Plan auszuführen. Sie sind allerdings unsere natürlichen Erbenund seit gestern, wo der gute Seppli von uns schied, fühlte ich stets eine Regung inmir, die mir sagt, daß Du Recht hast."

Seit gestern?" seufzte er,ja, mir geht es ebenso; als ich diese armen Kindermeines Bruders von ihren Gespielen Abschied nehmen sah, empfand ich lebhaften Schmerz,fühlte aber doch zugleich eine gewisse Beruhigung, als mir dabei der Gedanke eingegebenworden zu fein schien, daß mir in dieser Welt noch etwas zu thun übrig bliebe."

(Fortsetzung folgt.)

GoldkSrner.

Verloren dünke dir kein gutes Wort,

Ob früh, ob spät, es findet guten Ort!

Die Henne, die erhebt ein laut Geschrei,

Sie legt nicht immer auch ein gutes Ei.

Den Neid erregt, was Jedermann begehrt,

Hol' Sand am Meer, es bleibt dir unverwehrt! Fnd.-. Bsck.