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„Äiigslmrger Postjeituug."
9!r« 66. Samstag, 18. August 1883.
„Zur Eintracht" oder „Schuld und Sühne."
Nacherzählt von F. Carneville.
(Fortsetzung.)
„Du hast Deinen Bruder, seine Frau und Kinder also noch gesehen?" fragtenach einer kurzen Pause Leo's Frau mit Thränen in den Augen ihren Mann.
Er machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopfe und verließ darauf die Stube,um sich an den Grabhügel zu begeben, wo Seppli den Tag vorher so andächtig gebetethatte; er blieb lange dort knieen. Als seine Frau ihn einige Zeit betrachtet hatte, hobsie die Hände empor und rief: „o heilige Jungfrau! empfange meinen Dank, daß Dumein Gebet erhört und für mich Fürbitte eingelegt hast! Gottes Gnade hat sich sichtlichüber uns ausgebreitet, gleich dem Föhne, der das Eis und den Schnee unserer Bergeschmilzt; o ziehe Deine Gnade nicht von uns ab, auf daß ich jeden Tag Deinen heiligenNamen preisen kann!" Dann fiel auch sie auf die Knie und betete noch mit Inbrunst;als sie sich erhob, fühlte sie sich neugestärkt und ihre Seele war froh und heiter wie inden Tagen der Kindheit.
Nach seiner Rückkunft setzte sich Leo auf die Bank am Tische. „Höre, sagte erzu seiner Frau, „ich will Dir erzählen, was mir begegnete . . .
Sie setzte sich zum Zeichen ihres Einverständnisses an seine Seite.
„Ich habe Dir zwar nicht viel zu sagen . . . .« begann er den Arm auf denTisch stützend und die Hand über die Stirne legend, „und sollte mich bester auszudrückenverstehen, um Dir mitzutheilen, was mir noch wie ein Traum vorkommt ..... MSich gestern zufällig aus dem Fenster blickte und meinen Bruder da oben betend knieensah, erfaßte mich plötzlich eine eigene Bangigkeit, wie ich sie noch nie in meinem Lebengefühlt habe. Ich dachte wohl, daß er kommen werde um Abschied zu nehmen; aber eSwäre mir nicht möglich gewesen ihm gute Worte zu geben und doch hatte ich auch nichtden Muth ihm böse zu sagen. Das war der Grund, warum ich so rasch aufbrach, umnach unserer Alp zu gehen. Ich eilte den Berg hinauf, ohne mich nur einmal umzu-sehen, obwohl ich immer vermeinte eine Stimme zu hören, die mir zurief: „Kehre umles ist zum letzte Male!" — Ich weiß nicht wie lange ich so gelaufen bin, aber als ichanhielt und mich umsah, erkannte ich, daß ich unsere Alpe bereits weit überstiegen hatt«und so erklimmte ich denn noch über Geröll und Schnee hinweg die Schwarzhornspitzr.Die Sonne war bereits zur Neige und beleuchtete nur noch die Spitzen der höchstenBerge. — Ringsum herrschte Todtenstille und ich weiß nicht wie es kam, — aber plötz-lich schien es mir, die Erde habe sich in ein Leichenfeld umgewandelt und ich sei nurnoch das einzige lebende Wesen darin. — Ich glaube, wenn mir in diesem Augenblickein lebender Mensch wirklich begegnet wäre, ich würde alsbald zu mir gekommen sein undüber meine Narrheit gelacht haben. — Nachdem mir aber Niemand in dieser schaurigen^Einsamkeit sichtbar wurde, so konnte ich meiner Herzensangst nicht loS werden und ich
rief: „Ja, du mußt.du mußt ihn noch einmal sehen, vor es zu spät wird!"
— Und darauf stieg ich abwärts ohne Weg, der Richtung gegen Sarnen zu. — Je