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mehr die Nacht vorschritt, desto mehr beschleunigte ich meine Schritte und meine Angststieg immer mehr; glücklicherweise herrschte nicht völlig« Dunkelheit, der Mond war zeitigaufgegangen und endlich sah ich Sarnen vor mir . . . ."
Hier schwieg Leo und schien nachzusinnen, als wollte er sich erst dessen erinnern,was hierauf geschehen war.
„Ja", nahm er dann wieder das Wort, „als ich wieder Lichter in einigen Häusernsah und aus der Ferne wieder menschliche Stimmen vernahm, kam ich wieder zu mirund wurde etwas ruhiger. Ich schämte mich auch einigermaßen über mein thörichtesBenehmen und sagte mir, daß ich doch wohl nicht zur Nachtszeit in das Haus meinesBruders auf Besuch gehen könne; es wäre ja auch andern TagS noch Zeit und daß ichvorerst mich auch vergewissern müsse, was die eigentliche Ursache seiner Besuches ge-wesen sei.
Noch diesen Gedanken nachhängend» sah ich auf einmal eine große Zahl von Fackelnaus dem Dorfe kommen. Ich eilte gegen eine Hecke, die hart an der Straße lag, undstellte mich hinter dieselbe, um ohne gesehen zu werden, alles beobachten zu können, washier vorging; ich gewahrte dann eine Menge von Männern, Weibern und Kindern, dieeinen Wagen begleiteten, der langsam einherfuhr. — Da saß Mariele, ihre zwei jüngstenKinder auf ihrem Schooße, während die beiden anderen ihr zur Seite saßen. Mein
Bruder ging in Begleitung seiner Nachbarn.-In der Nähe von mir hielt der
Wagen und Seppli stieg ein, ein donnernd Vivat erscholl noch als Abschied von denBegleitern und in raschem Trabe fuhr nun das Fuhrwerk weiter. Ich werde diesenMoment niemals vergessen .... die todtblasse Frau mit ihrem Madonnengesicht undihre weinenden Kinder ....."
Hier brach Leo ab und ließ den Kopf in beide Hände fallen.
„Und Du hast kein Wort mehr mit ihm gesprochen .... haben sie Dich nichterkannt?" frug ihn seine Frau nach einigen Momenten des Stillschweigens.
„Nein, er sah mich nicht und ich wäre auch nicht im Stande gewesen, mich ihmzu nähern, wenn auch die ihn umgebende Menge mich nicht daran gehindert hätte. Ichwar wie gelähmt an allen Gliedern auf den» Bode» hinter der Hecke gelegen und dieLeute von Sarnen waren wohl schon längst wieder daheim, als ich mich endlich zu er-heben vermochte .... Ich erzähle Dir alles dies, weil es sicher gut ist, wenn wenig-stens ein Angehöriges Kunde von meiner guten Absicht hat und erfährt wie sie ent-stund, sonst könnte der böse Geist leicht wieder die Oberhand gewinnen, wie ich leiderin vergangener Nacht erfahren habe."
Seine Frau sah ihn an, als wolle sie ihn hiewegen des Nähern befragen, abersich rasch erhebend, sagt er nur: „ja, ja, so ist es; bei meiner Rückkehr gestern Nachtsfühlte ich meinen Haß auf's Neue erwachen, und es bedurfte wahrlich Deiner umständ-lichen Erzählung, Deiner Unterredung mit meinem Bruder, daß diese Abneigung sichnicht wieder meines Herzens bemächtigte. Nun, Gottes Wille möge geschehen, aber'Niemand soll wissen, was sich zugetragen hat."
Es wurde auch wirklich Niemand weiter davon unterrichtet. Die Veränderungaber, die so plötzlich mit Leo vorgegangen, »var den Nachbarn nicht entgangen, denn vondieser Zeit an war sein Humor gut und friedlich, sowohl in wie außer dem Hause unddie Ueberraschung steigerte sich noch mehr, als er mit dem Bau eines »reuen Hausesbegann, und dabei dieselbe Thätigkeit entfaltete, wie ehedem sein Vater. — Natürlichwußte Niemand den nähern Grund dieser Veränderung, und wie es gewöhnlich geht,daß man dem Abwesenden die Schuld gibt, so singen auch hier die Nachbarn allmäligan sich gegenseitig zu äußern: „seht doch, wie man sich täuschen kann; wir sind dochwohl ungerecht gegen Leo gewesen und Seppli mag vielleicht nicht so schuldlos gewesensein, wie wir uns dachten; wer weiß, welche Neckereien Leo erdulde» mußte, die wirnicht kannten, denn seit Seppli fort ist, ist er völlig umgewandelt und der friedliebendsteund beste Mann geworden."