Ausgabe 
(18.8.1883) 66
 
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Ja, in der That, Leo war in seinem Leben und Treiben nicht mehr zu kennenund man kann wirklich nur sein höchstes Bedauern ausdrücken, als er, noch ehe seinBau vollendet war, von einem großen Unglück heimgesucht wurde. Nicht lang« nachSeppli's Abreise nämlich wurde seine Frau krank und nach sechs Monaten, nachdem ihr,nun eine ruhige und glückliche Zukunft lächelte, raffte sie der Tod dahin. Das wardenn ein fürchterlicher Schlag für Leo, der sich nun völlig vereinsamt fand, denn obwohler nun mit seinen Nachbarn im guten Einvernehmen lebte, so war er doch mit keinemso vertraut, daß er ihm hätte sei» Herz öffnen können.

Als sein Neubau vollendet war, fühlte er keine Neigung mehr sich länger mit derBewirthschaftung seiner großen Besitzung zu befassen; er entließ fast alle seine Dienst-leute und gab die entlegenen Grundstücke alle in Pacht. Auch für das neue Haus hätteer öfter schon Pächter gefunden, aber er konnte sich nicht dazu entschließen und so stand,es öde und verlasse» da. Eine alte Magd führte seine Wirthschaft und er lebte stillund traurig dahin, sogar die Holzschnitzerei, für die er sonst «ine so große Vorliebe hatte,betrieb er nicht mehr; die Winterabende verbrachte er im Lehnstuhle, peinlichen Betracht-ungen sich hingebend, wobei ihm oft die Thränen über die gebräunten Wangen flösse»und er verließ, außer ßeinem Kirchgänge, nur selten das Haus.

Was die Betrübniß über den Verlust seiner Frau noch vermehrte, war die vollellnkenntniß über das Schicksal seines Bruders. Alle anderen Emigranten» die zwar vorihm abgereist waren, hatten der Einschiffung gewärtig, ihren Verwandten und Freundenbereits Nachricht zugehen lasse», aber in keinem der Briese geschah Erwähnung Seppli'sund der Seinen, wohl im Glauben, daß er selbst geschrieben haben werde, was er auchseinen Freunden beim Abschiede sich versprochen, aber bisher noch nicht erfüllt hatte.

Die Ursache dieses Schweigens war leider nur zu natürlich.

Schon nachdem Seppli Luzern verlassen hatte, zeigte sich schon die Reise ganzanders als er sie sich gedacht hatte. Das Eisenbahnnetz war dazumal noch nicht so voll»komme» als heutzutage und war noch streckenweise unterbrochen, wie so viele Auswanderer,hatte auch er., und seine Frau geglaubt, sich von diese», oder jenem liebgewordenenJnventarslück nicht trennen zu können, wodurch die ohnedem für die Auswanderung derganzen Familie schon große Güterlast, noch wesentlich vermehrt wurde. In Folge dessenwurde die gleise nicht nur sehr beschwerlich» sondern auch sehr kostspielig, zudem erkranktenihm zwei seiner Kinder und zwangen ihn schon in Basel zu einem mehrtägigen Aufent-halt. Mit Schrecken bemerkte er, daß seine Reisekaffa schon weit mehr in Anspruchgenommen war, als er berechnet hatte; außerdem beunruhigte ihn auch die Befürchtung,daß er durch diese Verzögerungen zu spät eintreffen möchte und vor Frühjahr dann keinEmigrantenschiff mehr abgehen würde; diese Unruhe ließ ihm denn keine Kosten scheuendie Reise möglichst zu beschleunigen.

Diese Besorgniß wurde immer größer, nachdem noch manches außer der Berechnunggelegene Hinderniß eintrat. Endlich erreichte er Amsterdam . Aber wer beschreibt seineBestürzung, als er erfuhr, daß das Schiff mit den Auswanderern bereits abgesegelt sei.Was sollte er nun mit seiner Familie anfangen, wenn er gezwungen war in dieserfremden Stadt, wo es drei» bis viermal theurer zu leben war als in seiner Heimath,den ganzen Winter ohne Verdienst verbringen sollte? Das Kapital, das er mitgenommen,war nicht so bedeutend; denn hatte er auch sein Haus und seine Gründe ziemlich gutan den Mann gebracht, so mußte er mit dem Erlös auch alle seine Schulden decken, dieer zum Ankaufe der Gründe machen mußte, und erforderte auch die Ansässigmachung inAmerika , wenn man nicht eine schon bewirthschaftete Meierei kaufen wollte, keine so großeSumme, um ein Stück Land urbar zu machen, so war immerhin noch viel nöthig, umauch nur die nothwendigste Einrichtung hiezu zu treffen und den Unterhalt der Familiezu bestreiten, bis einmal die angebaute Stelle einen Ertrag abwarf.

Da er aber in seine Heimath nicht zurückkehren wollte, so blieb ihm wohl nichtsAnderes übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen. Vor Allem mußte er sich um