Ausgabe 
(18.8.1883) 66
 
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eine Beschäftigung umsehen, um doch einigermaßen die Kosten seines nothgedrungenenAufenthaltes damit decken zu können. Glücklicherweise fand sich hiezu bald Gelegen-heit; Seppli hatte die Bekanntschaft eines wohlwollenden Mannes gemacht, der ihmBeschäftigung in einer Zuckerfabrik anbot, was er natürlich dankbarst annahm. Er fandin einem kleinen Hause Unterkunft mit den Seinigen und sing allmälig an mit wenigerBesorgniß der Zukunft entgegenzusehen. Von den Unfällen, die ihn schon gleich beidem Antritte seiner Auswanderung betroffen hatten, in seine Heimath zu berichten, scheuteer sich, daher seine Nachbarn zu ihrem großen Befremden ohne alle Nachricht blieben.

Sein Erwerb war jedoch nicht ausreichend für den Unterhalt der Familie, obwohlMariele, die sich rasch in die Verhältnisse gefunden hatte, möglichst bemüht war, auchdas Ihrige beizutragen, indem sie für die Matrosen in der Nachbarschaft nähte undwusch, was ihr doch erlaubte im Hause zu bleiben und die Kleinen zu beaufsichtigen.Aber ungeachtet aller ihrer Thätigkeit waren die Armen bei der Theuerung der Lebens-bedürfnisse gleichwohl immer genöthigt, die Kassa für die Auswanderung, die sie nichtweiter in Anspruch zu nehmen sich vorgenommen hatten, anzugreifen.

Man kann sich denn denken, wie der Winter mit seinen kalten Nebeln, welche inHolland um diese Jahreszeit herrschten, beitrug das Heimweh dieser armen Gebirgsländerzu vermehren. Die Unruhe, die Sorgen, die Traurigkeit steigerten sich mit jedem Tage,und wenn auch Eines dem Andern den innerlichen Kummer verbarg, so gab es doch fürsie keinen frohen Augenblick mehr. Wenn die Kinder zur Ruhe gegangen waren bliebendie Eltern, trotz der Ermüdung von der Arbeit, in der Dunkelheit noch bei einander amOfen sitzen, so lange er noch einige Wärme gab und oft faßten sich dann ihre Hände,tiefe Seufzer ausstoßend. Aber keines klagte; kein Wort der Bitterkeit kam über ihreLippen, kein Vorwurf wurde laut gegen diesen Bruder, der allein an diesem Unglückeschuld war. Im Gegentheile, namentlich das gute, fromme Weib suchte stets ihrenMann zu trösten, ihm Muth einzuflößen, und in ihm das Vertrauen an den lieben Gottzu stärken.

So verfloß der Winter mit Mühseligkeiten. Als Vorläufer des Frühlings kamenbereits die Züge der Auswanderer an, um die Abfahrt des ersten Schiffes zu benützen.Auch Seppli traf seine Vorbereitungen und fand, daß die ihm bleibende Summe dochnicht so geschmälert worden war, daß sie nicht ihre Ansiedelung damit begründen konnten.Seine Frau dankte Gott im Stillen dafür, daß er ihre Hoffnungen nicht vereitelt hatteund vergaß über dieser Freude die Gefahren, welche die lange Ueberfahrt mit sich brachte.Auch das fortwährende Eintreffen von Emigranten trug viel dazu bei, ihren Muth zustärken, denn sie sahen dabei, wie viele unter ihnen, die nicht das Elend zu diesemSchritte zwang, eine glückliche Zukunft sich jenseits des Oceans zu schaffen hoffen.Nachdem das Fahrzeug noch vor Ostern unter Segel gehen sollte, so trat man mitEmsigkeit an dessen Ausrüstung.

Da fühlte sich Seppli eines Tages plötzlich unwohl und obwohl er anfangs wenigdarauf Acht hatte, nahm dieses Uebelbefinden immer mehr zu, bis es ihn arbeitsunfähigmachte. Er suchte es anfänglich seiner Frau zu verbergen und sich selbst zu überreden,daß es bald vorübergehen werde, aber die Schmerzen vermehrten sich schließlich so, daßer bettlägerig wurde.

Das war noch ein stärkerer Schlag als der, der ihn im Herbste durch seine ver-spätete Ankunft traf. Der Fabrikherr besorgte sogleich einen Arzt und stand auch derarmen Frau großmüthigst bei; doch die ärztlichen Mittel waren ohne Erfolg und däSUebel nahm den Charakter einer langwierigen Krankheit an. Der Arzt gab zwar nochimmer die beste Hoffnung, aber vielleicht mehr aus Schonung und Mitleid, als aus Ueber-zeugung. Jedenfalls mußte die Aussicht auf eine baldige Abreise aufgegeben werden,da das erste Emigrantenschisi schon in nächster Zeit in See ging. Diesen Umstandverschwieg man Seppli auf's sorgfältigste und Mariele zeigte ihm, so viel möglich, stetseine heitere Miene. Als aber die Temperatur immer wärmer wurde, traten starke Nacht-