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Nr. 67
1883.
„Zur Eintracht" oder „Schuld und Sühne."
Nacherzählt von F. Carneville.
(Schluß.)
Aber das Unglück, das sein Opfer so grausam verfolgte, erregte dir Herzen Derer,die Zeuge davon waren und flößte ihnen Mitleid und Bereitwilligkeit zur Hilfe ein. —Ungeachtet aller Thätigkeit, die entfaltet wurde, hatte die Untersuchung des Raubes keinenErfolg gehabt. Aber, wie bereits erwähnt, war die arme Mutter zum Ersatz hiefür aufihrem Schmerzenslager von so wohlwollenden, gefühlvollen und opferwilligen Leuten um-geben, daß sie kaum in ihrer Hcimath eine bessere Hilfe hätte finden können. AlsMariele nach einigen Wochen bittern Leidens endlich wieder hinlänglich genesen war,um einen Entschluß fassen zu können, war in ihr immer mehr der Wunsch rege, wiederin ihre Berge zurückzukehren; es war allerdings nicht ohne Bitterkeit für sie, wenn siean die Umstünde dachte, in denen sie sie öerlassen und in welchem Zustande sie wiederdahin zurückkehren sollte, und gewiß war ihr der Gedanke schmerzvoll, daß ihre Kinderdort keine andere Unterstützung zu erwarten hätten, als das öffentliche Almosen; aber,was sie auch zu erwarten hatte, sie war gleichwohl in ihrer Heimath! — Hatte sie dortauch keine Verwandten mehr, auf deren Hilfe sie rechnen durste, so fanden sich doch sicher-lich unter ihren treuen Freunden noch großmüthige Herzen, die ihr ihre Hilfe nicht ver-sagen werden. Auch ihre Freunde in Amsterdam , insbesondere der edelsinnige Fabrik-herr, die alle wohl erkannten, wie sehr ihr Herz von der Sehnsucht nach ihrem Vater-lande durchdrungen war, unterstützten diese ihre Wünsche und boten ihr großmüthigstdie Mittel an, mit ihren Kindern die Reise unternehmen zu können. Mit dankerfülltemHerzen nahm sie denn endlich die Hilfe ihrer Wohlthäter an und verließ an einem schönenCommertag mit ihren Kleinen die Stadt, nachdem sie Tags vorher noch am Grabe ihrestheuren Mannes, den sie so sehr liebte, mit welchem sie ihre glücklichsten Tage verlebteund dessen sterbliche Ueberreste sie leider hier im fremden Lande zurücklassen mußte, in-brünstig gebetet und auch noch des Himmels Segen auf jene Herabgerufen hatte, die ihrso liebevoll Beistand leisteten, sie trösteten und^sie dem Abgrunde des Elends entrissenhatten. —
Diese lange Reife, weift zu Fuß, war eine neue ebenso harte wie schmerzvolleProbe für Marie, welche früher nie aus ihrem engen Thal« gekommen ivar, wo sie sichnur freundlichen Entgegenkommens ihrer Nachbarn zu erfreuen hatte. Von ihren vierKindern waren nur die zwei ältesten kräftig genug, um kleine Tagemärsche machen zukönnen, die andern mußten meist getragen werden, wobei die neunjährige Therese sie vollMuth und Ergebung bestens unterstützte. — Ach, wie lange schien der armen Frau inden ersten Tagen der Weg, mitten durch ein flaches, einförmiges Land! — und oft,wenn sie an die Länge ihrer Wanderung und die Entfernung ihrer Heimath dachte, kamihr die Furcht und Bangigkeit an, daß in Folge der andauernden Anstrengung ihr oderihren Kindern ein neuer Unfall begegnen, und sie ihrer Mittel berauben könnte, bevorsie ihr Ziel erreicht hätten.