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Schon die Bibel thut den Ausspruch: „Der Herr ist der Nährer der Wittwen undder Vater der Waisen", und unsere armen Reisenden konnten in der That erkennen,wie wahr diese tröstenden Worte waren — wie oft trafen sie mitleidige Fuhrleute, dieihnen erlaubten ihr Fuhrwerk zu benutzen und wie oft theilnehmends Menschen, die ihnenguten Herzens Nahrung und Obdach gaben. So durchzog denn die kleine Familie einegroße Strecke des deutschen Landes und zwar rascher als sich Mariele beim Beginneder Reise gedacht hatte. Auch das Gemüth der Kinder, insbesondere Therrsen's, derenMuth sich noch keinen Augenblick verleugnete, wurde wieder heiterer, je mehr sie sich denheimathlichen Bergen näherten. Nur Mariele konnte bei dem Anblick der schneeigenGipfel der Alpen , ungeachtet der Freude, die sie zeigte, sich doch einer gewissen Unruhenicht erwehren. — „Was werde ich thun . . ." sprach's in ihr — „mit diesen Kindern,in einer Heimath, wo ich keine Aussicht für ihre Unterkunft habe und für mich selbstnoch kein Mittel zu einem Fortkommen weiß . . . .? Wird die Barmherzigkeit derFreunde, so willfährig sie auch anfänglich geübt wird, für die Dauer nicht zur Lastwerden? — —"
Als sie endlich an einem schönen Herbftabend die Höhen von Hauenstein erreichte,und das reizende Schweizerland zu ihren Füßen erblickte und die herrlichen Alpen in all'ihrer Pracht glühen sah, da drückte sie ihre Kinder in die Arme, kniete nieder und flehtemit Jnbrust den weiteren Beistand des Allmächtigen an, der sie bis jetzt so mildthätigbeschützt hatte.
So erreichte sie endlich Luzern . — Der Vierwaldstädter-See zeigte wie gewöhnlichseine azurene Fläche mit seinen herrlichen Bcrgufern und dort jenseits des Pilatus-Gebirgeswar ihr theures Vaterland. — Welche Erinnerungen, welche Empfindungen und Gedankenerwachten in dem Herzen der armen Frau! — — Nach einem kurzen Aufenthalt indieser Stadt hatte Mariele schon andern Tags den nützlichen Hang des Berges erreicht,hinter dem Tarnen lag. — Unweit von der Straße stand eine alte Kapelle, welche dieheilige Jungfrau mit dem Jesukind einschloß. In ihrer Kindheit hatte Mariele oft aufder steinernen Bank davor gespielt und später dort oft in der Stille der Einsamkeit ihreAndacht verrichtet; so beschleunigte sie denn auch heute ihre Schritte, um diesen Punktzu erreichen und dort wieder ein Gebet zur heiligen Jungfrau zu senden, daß sie ihrSchutz und Hilfe augedeihsn lasten möge. — Die kleine Familie bot wohl in diesemAugenblick einen ebenso rührenden Anblick, als dir in der Kapelle. An der Brust derMutter ruhte eingeschlummert der jüngste Knabe; der ältere, der am ganzen Wege ander Hand seiner Mutter gegangen war, pflückte jetzt Blumen, die aus dem Gemäuerwuchsen; Therese, welche ihrer jüngeren Schwester als Führerin gedient hatte, schloßdiese nun in ihre Anne und kniete neben der Mutter, in tiefer Andacht betend.
Tiefste Stille herrschte ringsum. Die Sonne neigte sich und warf ihre letztenStrahlen auf diese Gruppe, deren Häupter sie wie ein Heiligenschein umgab. — Inzwischenhatten auch zwei schwere Wagen auf der Straße angehalten, und der Mann, der sieführte kam auch herbei seine Andacht zu verrichten und hatte in der Nähe gehalten, vonwelcher Stelle er die Wittwe mit ihren Kindern gewährte und sie beobachten konnte,ohne von ihnen gesehen worden zu sein.
Dieser Mann nun, dessen Haare schon grauten, obgleich seine ausgeprägten Zügenicht so alt schienen, sing beim Gewahren der Betenden plötzlich heftig zu zittern an.Sein Gesicht, welches einen gewissen Ausdruck von Traurigkeit hatte, nahm eine Todes-blässe an« seine Lippen bewegten sich, als wie von einer convulsisischen Bewegung er-faßt, er faltete seine abgemagerten Hände und dicke Thränen rollten über seine Wangen.Er blieb einen Augenblick an einen Baum gelehnt als suchte er eine Stütze, dann sanker, einen Schmerzensschrei auSstoßend, zur Erde nieder.
Bei dem Tone dieser Stimme fuhr Mariele erschreckt empor und nach der Stelleblickend, woher der Schrei kam, gab sie rasch ihr Kind in die Arme Therrsen's und eilteauf den Unglücklichen los; aber wer malt ihr Entsetzen, als sie die bleichen Züge ge-