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wahrte! sie stieß einen herzzerreißenden Schrei aus und rief: „Leo! . . . o allmächtigerGott! ..."
Es war in der That Leo, der am Boden lag.
Wie wir bereits gesagt haben, befand man sich im Herbste; die Ernten in denBergen waren eingebracht. Der Sommer war schön gewesen und die Alpen hatte» vielgegeben. — Da Leo nur wenig zu seinem Haushalt bedurfte, so waren die Scheunenin seinen beiden Höfen noch reichlich angefüllt und er mußte, um Platz für die neueErnte zu gewinnen, den Verlaus der alten Vorräthe im Großen vornehmen. Er wardaher dieser Tage mit Getreide und Käse nach Stanz gefahren, von wo sie dann zuWasser nach Luzern gebracht wurden. Mit den leere» Fuhrwerken heimkehrend, hatteer unweit der Kapelle angehalten, um dort sein Gebet zu verrichten. — Sein Herz warmehr bewegt als gewöhnlich. Die Armen, die er unterwegs begegnete, wurden reichlichbedacht und auch der Opfersiock in der Hauptkirche zu Stanz strotzte sozusagen von seinenmilden Gaben.
Er wußte selbst nicht woher diese Aufgeregtheit rührte; aber seine Seele war frohwie an einem Festtage und die untergehende Sonne und die Abendglocken, die aus allenOrten durch's Thal hallten, gaben ihm eine eigene melancholische Stimmung und Hiebeimußte er immer seines Bruders und seiner Familie gedenken; immer vermeinte er wiederZeuge des rührenden Abschiedes zu sein» der zwischen Seppli und der BevölkerungSarnen's stattfand und ungeachtet aller Anstrengung vermochte er diese Scene nicht ausdem Gedächtnisse zu bringen. Dann gab es auch wieder Momente, wo er sich anklagte,wo er seine Handlungsweise bitter bereute und ein unwiderstehliches Bedürfniß fühlte,im Gebete Trost zu suchen. So traf sich's denn, daß er an diesem Abend, als er sichder Kapelle näherte, die Frau mit ihren Kleinen in tiefer Andacht vor dem Bilde derheiligen Jungfrau knieen sah; eine dunkle Ahnung beschlich ihn, bis ihm bei nähererBetrachtung endlich die Gewißheit wurde, daß es Mariele mit ihren Kindern war.„Allmächtiger Gott! habe Erbarmen mit mir!" rief er, am ganzen Körper schaudernd,von Gewissensbissen gepeinigt beim Anblick dieser armen Geschöpfe, deren Unglück ergeschaffen hatte! wie sah diese frische und schöne Frau vor ehedem, gealtert, von Kummergeblaßt, von den Strapazen und Entbehrungen erschöpft aus! . . . und wo war seinBruder Seppli? — und unter einem Schmerzensschrei sank er zu Boden.
Als Mariele in diesem Mann ihren Schwager erkannt hatte, lief sie an die Straße,um die Kutscher zu rufen, die bei den Wagen zurückgeblieben waren. Auf ihr Rufenin ihrer Herzensangst liefen sie herbei und bebten vor Schrecken zurück, als sie Leo wietodt am Boden liegen sahen. Mariele schickte nun einen derselben gleich nach der nächstenQuelle, während die beiden andern ihren Herrn aufhoben und an die Mauer trugen, dienoch von den letzten Sonnenstrahlen beleuchtet war und sein Haupt in den SchooßMarielr's legten, die am Rasen Platz genommen hatte.
AIs der Mann den mit Wasser gefüllten Hut brachte» goß sie einiges auf dasGesicht des Kranken, rieb ihm Stirn und Schläfe und suchte ihm welches in den Mundzu bringen. — Nach einiger Zeit gab Leo endlich ein Lebenszeichen. Als er die Augenaufschlug, richtete er sie auf Mariele; aber seine Blicke waren irre und er war sich nichtbewußt, was er gewahrte. Die Anstrengung, die er machte, um sich zu erheben, warfruchtlos; sein Haupt fiel zurück und nach einem schweren Kampfe, drang eine Mengeschwarzen Blutes aus seinem Munde. „Einen Arzt, um Himmelswillen l" rief Mariele,»das ist ein Blutsturz, ein Arzt inuß herbeigeholt werden!"
Einer der Knechte lief sogleich zu den Wagen, spannte ein Pferd aus und ritteilends nach Sarnen ; aber die Entfernung war groß und es verging doch viel Zeit,selbst wenn gleich einer der beiden Aerzte des Ortes zu treffen war.
Mariele gab dem Unglücklichen eine bequemere Lage, auf daß sich sein Zustand thun-lichst lindern mochte. Der Blutsturz erneuerte sich nicht. Das Einzige, was er dringlichstverlangte, war Wasser und sie bot ihm welches in ihrer hohlen Hand, worauf er die