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^ugen schloß und sein Haupt am Busen Derjenigen ruhen ließ, deren Existenz er ver-nichtet hatte.
Eine klare Erinnerung schien ihn indeß zu verfolgen, denn er faltete von Zeit zuZeit die Hände und Thränen netzten seine Augen; auch Mariele weinte bitterlich undtrocknete sorgsam die gefurchten Wangen ihres Schwagers.
Endlich sprach er mit schwacher und gebrochener Stimme: „O Mariele, erkennstDu die Hand Gottes? . . . Kannst Du mir verzeihen ehe ich vor seinem Nichterstuhlestehe? ... Ich habe für Dich und Deine Kinder gesorgt .... aber wo ist Seppli?ist er mir vorangegangen? . . ."
„Ja, er ist todt!" erwiderte das arme Weib mit vor Thränen erstickter Stimme.
Leo neigte das Haupt und schwieg im tiefen Schmerze einige Zeit, dann feineHände auf das Herz pressend und tiefe Seufzer ausstoßend nahm er wieder das Wort:
„Ach, wie das brennt und kracht hier innen! .... es wird wohl bald zu Endesein .... sag' mir, Mariele, hat mir Seppli verziehen? .... ist es schon lange,daß er gestorben ist?"
„Er hat Dir verziehen und Deiner in seinem letzten Gebete nicht vergessen!"
„Dem Himmel sei Dank dafür .... und Du, Mariele, kannst auch Du mirverzeihen?"
„Möge Dir Gott verzeihen, Leo, wie Seppli und ich Dir verziehen haben!"
„O Gott! wie groß ist Deine Gnade! .... bete für mich, Mariele! . . ."
Die Anstrengung, die er zum Sprechen machen mußte, hatte den letzten Nest seinerKräfte erschöpft. Neuerdings guoll Blut ihm aus dein Munde, krampfhafte Zuckungen ;
bewegten seinen ganzen Körper .... dann wurde er ruhiger, als habe ihn eine Ohn-macht befallen. — Als der Arzt endlich kam und Leo untersuchte, war sein Ausspruch: ^
„ich komme zu spät — er hat geendet!"
Mariele mußte alle ihre Kraft anstrengen, um nach diesen ergreifenden Scenen s
sich wieder zu sammeln und wendete zunächst alle Sorgfalt darauf, der sterblichen Hülle :
Leo's die letzte Ehre zu erweisen, indem sie ihn zu Lungern zunächst den Gräbern feinerEltern bestatten ließ. !
Nach der Eröffnung des Testaments, welches Leo unmittelbar nach dem Tode t
seiner Frau errichtete, erfuhr Mariele, daß er sein ganzes Vermögen, mit Ausnahme '
einer frommen Stiftung, seinem Bruder Seppli oder dessen Erben vermacht hatte. :
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Eine lange Zeit ist nach diesen Begebenheiten verstrichen. In den beiden vorLungern gelegenen Höfen herrschte jetzt ein glückliches und thätiges Leben und GottesSegen ruhte sichtlich auf deren Bewohnern. Der Eigenthümer des neuen Anwesensheißt gleichfalls Seppli; es ist der ältere Sohn Marielen's, das wahre Ebenbild seines t
Vaters; er hatte ein braves, rühriges Weib und sah sich von einer munteren kleinen ^
Familie umgeben. — Die schöne Therese bewohnte das ältere Haus mit ihrem Manne, 'der durch seinen Charakter und seine Liebe ihr die glücklichsten Tage bereitete. — Die j
beiden anderen Kinder Seppli's sind ebenfalls verheirathet und in der nächsten Umgebung !
ansässig. — Mariele bewohnte abwechselnd die beiden Höfe und man sah sie viel hin- j
und hergehen, immer umgeben von ihren muntern, kleinen Enkeln, die mit aller Liebe i
an der guten Großmutter hingen. Sie war noch eine rüstige Greisin, der aber die Zeit, ^
ungeachtet der harten Schläge, die sie betroffen hatten, nicht die Schönheit geraubt hatte, >
die stets der Widerschein einer edlen, liebreichen und heitern Seele ist. !
Am Hochzeitstage, der der gleiche für die beiden ältesten Kinder war, ließ Mariele j
über den Thüren der beiden Häuser, mit großen Buchstaben die noch heute sichtbareInschrift: „zur Eintracht" setzen, um ihre Lieben daran zu mahnen, daß der böse >
Geist immer sucht den Samen der Zwietracht in die Herzen der durch die Bande derFreundschaft verbundenen Menschen zu werfen und daß sie deshalb stets auf ihrer Hut 'dagegen sein sollten. Ost erzählt die gute Frau ihren aufmerksam zuhorchenden Enkelein'L