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saß dann an den langen Winterabenden behaglich in seinem großen Lehnstuhl neben demriesigen Kachelofen und ließ sich sein Pfeifchen schmecken, während seine treue Lebens-gefährtin das schnurrende Spinnrad drehte. Es war dann so überaus wohnlich und trau-lich in dem behaglich durchwärmten Zimmer, und die beiden kinderlosen Alten plaudertenzusammen und vertieften sich in die Vergangenheit und in Erinnerungen an den gutenseligen Herrn, oder sie sprachen von dem jungen Baron Rudolf und beklagten, daß dersogar selten und immer nur auf so kurze Zeit in dem Schlosse seiner Vater Einkehr hielte.
Damals, als der alte Freiherr gestorben war, und Baron Nusolf, der als Offizierbei einem Reiterregiment« in der Hauptstadt stand, rasch seinen Abschied nahm, da glaubteman sicher, er werde sich nun, wie es sein Vater gewünscht auf lein schönes Familien-schloß zurückziehen und hier nach alter Väterweise seine Tage verbringen.
Allein die Hoffnung zeigte sich balv als eine trügerische. Man gab sich in derResidenz alle Mühe, den glänzenden Cavalier, der der tonangebende Löwe der Salonswar, festzuhalten. Und es war dies eine leichte Mühe; war es ihm doch unmöglichden Verkehr mit den flotten Kameraden zu entbehren, von einer Welt sich zu trennen, inder er eine so glänzende Rolle spielte, Gewohnheiten zu entsagen, die schon so tiefe Wurzelnn ihm gefaßt.
Und er blieb, und hielt fest an seiner gewohnten Lebensweise, die für seine reich«beanlagte Natur keinen andern Zweck wußte, als die Kräfte zu zersplittern an nutzlosemTand, das Leben zu vergeuden in leeren Nichtigkeiten.
Doch machte er sich darob keine Vorwürfe. Er war ja schon zu sehr angekränkeltvon der Anschauungsweise einer Gesellschaft, die so äußerst tolerant, selbst die schlimmstenNeigungen eines „Cavalier oomms i> kaut" als „noble Passionen" zu entschuldigen weiß.
Anders jedoch dachte der alte, treue Diener des Hauses, dessen Erkennen ungetrübtgeblieben. Er liebte seinen jungen, gnädigen Herrn von ganzem Herzen und tief be-kümmerte es ihn, daß die edlen und fruchtverheißenden Blüthen, die an dem Lebensbaumedesselben geprangt, von dem wilden Unkrauts böser Gewohnheiten ganz überwuchertwurden.
Der Sommer war in's Land gezogen und hatte all' seinen Zauber und seine Prachtüber den Park ausgegasten.
Der Baron pflegte diese Zeit sonst stets in einem fashionablen Luxusbade zuzu-bringen; wie sehr erstaunte deshalb der Castellan , als er plötzlich einen Brief von seinemHerrn erhielt, in welchem dieser mit kurzen Worten befahl, Alles vorzubereiten, ihn inBegleitung eines alten Verwandten, des Generals von Horsten und dessen Tochter ineinigen Tagen auf Schloß Haineck zu empfangen.
Am bestimmten Tage wurde der Wagen zur nächsten Bahnstation geschickt, derwenige Stunden darauf mit den erwarteten Gästen rasselnd durch's Schloßthor einfuhr.
Es war ein alter, hochgewachsener Herr, der zuerst ausstieg. Die stramme Haltung,der kühne, feste Blick und der stattliche graue Schnurrbart kennzeichneten den Militär,wenngleich die Kleidung eine bürgerliche war. Aber das martialische Gesicht mit denfesten, wettergebräunten Zügen trug einen ungemein biederen und vertrauenerweckendenAusdruck.
Langsam sah er sich im weiten Schloßhofe um, dann flog sein Blick leuchtend, wiemit einem stummen Gruß über die lange Fensterreihe der Frontseite des Schlosses undseine Lippen murmelten endlich halblaut: „Nach vierzig Jahren wieder auf Haineckl Nachvierzig langen Jahren! Gott ! welch' ein Unterschied zwischen dem Damals und Jetzt!Und was liegt Alles dazwischen! — Dich finde ich nicht mehr, alter, treuer FreundHaineck, mir den Willkommgruß zu bieten, doch dein Sohn spricht ihn mir heute."
Wie verhaltene Rührung hatte es durch die Stimme des alten Herrn bei diesenWorten gezittert, und langsam fuhr er sich mit der Hand über die Augen.
Plötzlich traf sein Blick den Castellan , der mit eutblöstem Haupte in ehrfurchts-voller Haltung dastand.