Ausgabe 
(25.8.1883) 68
 
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Ei, noch ein Bekannter aus alten Tagen!" rief der Herr lebhaft aus.Grüß'Gott, Werner! Wie ist es Ihnen ergangen?" Und herablassend streckte er die Rechteaus, den allen Diener fröhlich zu begrüßen.

Excellenz erinnern Sie sich noch meiner?" fragte dieser, und die Freude überdiese Thatsache rathete sein Antlitz.

Man wird doch seiner alten Jugendbekannten nicht vergessen", entgegnete leut«selig der General,und zumal, wenn dieselben, wie die unsrigen, so sehr zusammen-geschmolzen sind, dann freut man sich doppelt, wenn man einem begegnet."

Unterdessen war der Schloßherr mit einer jungen und sehr schönen Dame näher, gekommen, der er galant den Arm geboten hatte.

Sie war eine schlanke und elegante Gestalt; die frappante Familienähnlichkeit mitdem alten Herrn ließ sie sogleich als dessen Tochter erkennen.

Es waren dieselben scharfgeschnittenen Züge mit dem Gepräge sicherer Festigkeitund edlen Kraftbewußtseins, dieselben klaren Augen, die so ruhig und fest bis auf denGrund der Seele zn blicken schienen.

Mit Bewunderung blickten die Diener dem Paare nach, und man konnte in derThat kaum ein schöneres sich denken, als die imponirende Männergestalt des Freiherrn mit dem schlanken und doch kräftigen Wüchse und die vornehme, sympathische Frauen-erscheinung, in deren Bewegungen sich Hoheit und Adel ausprägten.

Ja, vierzig Jahre sind eine lange Zeit", sagte der Castellan, nachdem die Herr-schaften im Portale verschwunden waren.

Eine lange Zeit", wiederholte er sinnend,und was machen sie für eine Ver-änderung! Hätt' ich doch in dem alten, grauen Herrn kaum wieder den schmucken, flottenBaron Horsten erkannt. Doch in der huldvollen Freundlichkeit ist er derselbe geblieben,die hat ihm die Zeit nicht nehmen können."

Sein Vater", erzählte er seiner Frau,sein Vater und der Großvater unseresgnädigen Herrn waren Bruder; doch weil Baron Horsten früh elternlos geworden, ist erin Haineck mit dem seligen Herrn erzogen worden. Die beiden waren wie Brüder, einHerz und eine Seele, und hat es daher dem seligen Herrn nicht wenig Leid gethan, alssein treuer Genosse in's Ausland ging und in britische Dienste trat.

Er hat wohl oft geschrieben, wie es ihm ergehe und es ist ihm sehr gut er-gangen, hat es in seiner Cariöre zum General gebracht und eine reiche Tochter Albions geheirathet allein nicht einmal hat er in der langen Zeit seine Heimath besucht, undjetzt kommt er endlich als alter Mann, aber der selige Herr sollte nicht mehr die Freudedes Wiedersehens erleben."

Und die schöne, freundliche Dame ist seine Tochter?" sagte die Castellanin,diewäre eine passende Gemahlin für unseren Herrn, wenn er endlich an eine Vermählungdenken wollte. Dann kämen wohl auch die alten Zeiten für Schloß Haineck wieder."s »Ihr Frauensleute habt doch nichts als Heirathen im Kopf", unterbrach sie der

Castellan , halb brummend, halb lachend,doch diesmal, Alte, hast du einen Wunschausgesprochen, dem ich aus Herzensgründe beistimme."

*

Am Morgen des anderen Tages trat Baron Haineck früh hinaus in seinen Park.

Er hatte die ganze Nacht hindurch fast gar nicht geschlafen, und wenn er wirklich einmal

^ die Augen geschlossen, so hatten, ihn wirre Traumbilder immer,wieder aus dem Schlummeraufgeschreckt.

i Denn eine seltsame Aufregung und Unruhe hatte sich seiner bemächtigt, die sich

/ von dem Tage des Erscheinens seiner schönen Cousine aus England datirte.

l Es war ein prächtiger Sommermorgen voll Duft und Glanz. Die Lerchen stiegen

, jubelnd in das Aetherblau, und aus den Zweigen der Bäume erschallte der tausend-stimmige Chor der gefiederten Sänger wie ein Lobgesang des Herrn.