Ausgabe 
(25.8.1883) 68
 
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Auf den Rasenflächen, die in frischein Grün sich ausbreiteten, schimmerte diamanten-gleich der Thau, den die Strahlen der Sonne gierig aufsogen.

Die rvarmgoldenen Lichttöne umflutheten die weißen Statuen, die esfectvoll imParke aufgestellt waren, und spielten zitternd auf dem glänzenden Wasserspiegel desgroßen Schloßteiches, auf welchem in majestätischer Ruhe zwei stolze Schwäne ruderten.

Aber die grellen Lichtreflexe thaten den müden Augen des Freiherrn wehe.

Tiefer schritt er in den Park« dort, wo die dichtstehenden Waldbäume ihre mäch-tigen Aeste ausstreckten, da lockte so köstlicher Schatten her, dort war es so lauschig kühlund waldeinsam.

Und er wandelte dahin auf thaufrischen Pfaden, als ihm plötzlich vom Rande eineskleinen Weihers ein Helles Kleid aus dem Laube entgegen leuchtete.

Wer konnte das sein? Leise trat er näher.

Auf einer primitiven Holzbank saß ruhig und regungslos seine schöne Cousine Edith,den Kopf an den Stamm einer hohen Tanne gelehnt, die Hände lässig im Schooßegefaltet.

Der Freiherr stand still, und sein Blick ruhte voll leuchtender Bewunderung aufder ruhenden Mädchengestalt im Schatten, um deren flechtengekrönten Kops nur einigeStreifleichter, die sich durch die Zweige stahlen, spielend tanzten.

Sie schien ganz versenkt in den Zauber, den die Natur hier entfaltete, und ihreSinne schienen gefesselt von dem reizenden, poesiegetränkten Waldidyll, das sich ihnenerschloß.

Jenseits des hohen Staketes, welches den eigentlichen Wildpark einen Park imParke umzäumte, graste friedlich ein Nudel Edelwild, und die schlanken, graziösenThiere waren so nahe, daß man ihre schönen Augen hell glänzen sa.

Oben aber in dein Blätterwerk der Bäume hielten kleine Waldvögclein zwitscherndZwiesprache miteinander, und zwei muthwillige Eichhörnchen sprangen zierlich hüpfendvon Ast zu Ast.

Plötzlich wandte Edith den Kopf, und Baron Haineck trat näher.

Welche Ueberraschung, meine gnädigste Cousine", rief er mit warmem, freudigemGruße,ich glaubte Sie noch in tiefem Schlummer nach den Strapazen der gestrigenReise, und statt dessen unternehmen Sie zu früher Morgenstunde schon Streifzüge durchden Park und berauben mich grausam des Vergnügens, Sie zuerst hier umher zu führen."

Es ist nicht meine Gewohnheit solche köstliche Morgen zu verschlafen", sagte Edithruhig,da lockt es mich hinaus in's Freie, denn zu dieser Stunde ist man mehr wiesonst empfänglich, die Schönheiten der Natur zu genießen und ruhig auf sich wirken zulassen."

Dann finde ich wohl kaum Verzeihung, daß ich in diese weihevolle Stimmunghereinbreche", entgegnete der Freiherr.Doch sehr freut es mich, daß Haineck sovielGnade vor Ihren schönen Augen gefunden, daß Sie ihm einigen poetischen Reiz abzu-gewinnen vermögen."

Es ist schön hier", erwiderte Edith einfach,nur nimmt es mich Wunder, daßder Eigenthümer selbst so wenig die Schönheit seines reizenden Besitzthums zu würdigenweiß und sein festes, dauerndes Heim hier nicht findet."

Er zuckte die Achseln.Wer mag sich, so lange er noch Lebenslust in sich pul-firen fühlt, in eine weltverschollene Einsamkeit begraben! Denn was nützt da alle Poesieder Natur, so ganz abgeschieden von der Gesellschaft, ist auch der schönste Flecken Erde nur eine Wüste. Da ich aber", fuhr er lachend fort,wie meine Freunde sagen,zumBären" zwar einiges Talent habe, jedoch zumWüstenkönig" gar keines, so lebe ich lieberin der Welt, als daß ich mich hier durch Langeweile langsam tödten lasse."

(Fortsetzung folgt.)