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Zur Biographie des Ringes.
Bon Klara Reichner.
* Von allem äußerlichen Schmuck des Lebens — maa er so reich und glänzend als nur möglichsein — gleicht keiner wohl an Alter, und zugleich an Ticse der Bedeutung dem zuweilen ziemlichunscheinbaren Ringe. Auch der Gebrauch des Ringes ist ein so allgemeiner und beliebter von jehergewesen, wie nickt leicht bei einem andern Zierrath es der Fall. Ob aus edelm oder uuedelem Metallgeformt, ob an Fingern, Armen, Ohren, ob aus dem Kopfe, in den Haaren, an den Fußknöcheln oderFußzehen, ja, ob sogar in der Nase getragen: er ist und bleibt ein treuer Freund und Genosse derganzen Menichheit — antiken wie modernen — wenn er auch nicht immer und überall nach »wrgen-iändischer Sitte als Symbol der Treue betrachtet ward und wird.
Der Ursprung des Ringes ist so alten Datums, daß er mit der alten Sage zusammenfällt: —die griechische Götterlehre wäre danach als die eigentliche Heimath und Wiege des Ringes zu be-trachten. Als nämlich Prometheus das Feuer vom Himmel entwendet hatte, und zu seiner Strafe aneinen Felsen geschmiedet worden war, suhlte endlich Zeus , der Göttervater selber, Mitleid mit demGefesselten, den er — dieser Regung folgend — nun zwar befreite, jedoch, zum Andenken an dessenUnthat und diese Edelthat, ihm einen Ring an den Finger steckte, den das Oberhaupt der Götterhöchsteigeuhändig aus den eisernen Banden des Prometheus fertigte, und als Wahrzeichen und Zier-rath ein Stückchen von den: bewußten Felsen mit hineiusetzte. — Soweit die Sage und Mythologieder Griechen, während nach der Lesart der Juden der Ursprung des Ringes im Paradies bei Sta»:-inntter Frau Eva zu suchen wäre.
Jedenfalls ist sicher, daß die Spur der ersten Ringe sich bis in's nebelgraue Alterthum zurück-verliert, und auf das Morgenland zurückzuführen ist. — Die Hebräer bedienten unter Andern: sichdes Ringes schon mit Vorliebe; sie besaßen Fingerreise, aus verschiedenen: Metall gefertigt, und zuKennzeichen verschiedener Rangklassen dienend, denn die Zahl, sowie die mehr oder mindere Kostbarkeitder Ringe, galten für die Inhaber als Beweise von größerer oder geringerer Vornehmheit. AuchSiegelringe wurden schon getragen, jedoch anderer Form als heut' zu Tage, weil man sie nicht nurmit den: Namen des Besitzers, sondern zugleich mir einen: Bibelsprüche zu versehen und sie an einen:Bande aus der Brust zu tragen pflegte, während die Frauen Reife aus Metall, Perlmutter, Elfenbein,Horn und dergleichen um Knöchel oder Oberarm als Zier benutzten. Dagegen waren die jetzt all-gemeinen Ohrringe rwar schon bekannt und auch getragen bei den Juden, galten aber als Knecht-schastszeichen.
Aus dem Morgenlandc kau: die Sitte Ringe zu tragen, dann zu den Griechen und durch diesezu den 'Römern — so bürgerte der Ring sich in Europa ein! — Bei den Griechen war der Ringei» ganz besonders weihevolles Zeichen; er wurde dort zur letzten Gabe eines Sterbenden für Den,bei welchem er besonders sich die Erinnerung sichern wollte, und der Brauch reicht noch bis in dieGegenwart hinein, so schlug er Wurzel; auch zu»: Zeichen der Nachfolgerschaft ward der Ring ge-wählt, und in diesem Sinne als letztes Geschenk dem Betreffenden übergeben.
Nicht minder geehrt wurde der Ring bei den Römern, wenn auch in anderer Weise. Beiihnen galt zu Anfang der schlichte, eiserne Fiugerreif, so »»geziert er war, als ei» schmückendes Ehren-zeichen, das nur Ritter und Senatoren tragen durften, bis die goldenen Ringe Mode wurden, welcheman als eine Art von Amtszeichen z. B. den Gesandten mit auf den Weg gab, die man in's Aus-land schickte. Allein die Zeit, in welcher der Ring eine so auserlesene Rolle spielte, verlor sich mitden: wachsenden Ueberflup der römischen Berhältuisse; der ursprüngliche Eisenreif ward nunmehrPrivilegium der Plebejer, während der goldene überall unter den höheren Stände:: zu erblicken war,und auch als TapferkeitSbelohnnng für die Soldaten verwendet wurde, die ihn nicht nur au derHand, sondern auch, wie eine Medaille, an: Brustpauzer trugen. Nach und nach wurde endlich derGebrauch des Rings so allgemein, daß in der Kaijerzeit jeder freie Bürger das Recht hatte, ihn zutragen. So kam es, daß die Ringe immer kostbarer wurden, und nicht nur durch Edelsteine verziert,sondern auch als Petschast dienten, indem diese Steine oft geschnitten — meist Köpfe von berühmtenPersonen — waren und förmliche Kunstwerke bildeten. Reiche Leute trugen damals schon viele Ringean den Händen, ja, bisweilen zwei oder drei an jedem Finger, während sogar wohlhabende Bürgerihre „Sommer- und Winterringe" besaßen. — Daß die römischen Damen den Männern nicht nach-stehen wollten, da, wo und wenn es galt, Pracht und Lurus zu entfalten, ist wohl klar, und so be-richtet denn schon tadelnd der berühmte Scneka, daß die Römerinnen jener Zeit mit Ohrringen sichzu schmücken liebten, welche ganze Vermögen verschlangen.
Die Ohrringe sind überhaupt von jeher mehr von Frauen als von Männern getragen worden,wenn auch — nach Plinius — in früheren Zeiten im Orient fast jeder Mann sich solcher bedienthabe» soll, und wenn auch bei den Arabern die Sitte sich erhielt. Jedenfalls gab der Ohrring nichtnur den alten Römerinnen Gelegenheit, ihre Prachtliebe zu zeigen, — auch andere Frauen andererNationen haben ihnen nachgeeifert und thun dies zum Theil auch noch. So zum Verspiel schmückend:e Frauen an der Küste von Malabar sich jetzt noch mit Ohrringen, von denen Jeder an — zweiPsund Gewicht hat!
Weniger allgemein und beliebt als der Ohrring, ist natürlich der Nasenring geworden, welcherfrüher indessen größeren Beifall als gegenwärtig sich zu erfreuen hatte. Zur Zeit hat dieser sogenannte