Ausgabe 
(8.9.1883) 72
 
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Äugslmrger postzeitnug."

Nr. 72.

Samstag, 8. September

1883.

Der GpalrLng.

Noman aus dem Englischen von E- C.

(Fortsetzung.)

Zweites Capitel.

Mehrmals in der Woche gab Bertha Gesang- und Clavierunterricht an einer Schule,und diese Beschäftigung nahm dann fast den ganzen Tag in Anspruch; die übrige Zeithatte sie anderweitig Stunden zu geben; doch entstand ab und zu eine kleine Lücke. Diesebenutzte sie, um das Haus, an welchem sie den Mann hatte schellen sehen, aufzusuchen.

Es war ihr nicht schwer, den großen Porzellanladen wieder zu finden, und da siees am Gerathensten hielt dort zuerst Erkundigungen einzuziehen, ging sie hinein. Einjunger Mensch kam auf sie zu; sie theilte ihm ihr Vorhaben mit, ohne jedoch den ver-loren gegangenen Gegenstand näher zu bezeichnen.

Wie sie richtig vermuthet hatte, gehörte der obere Theil des Hauses nicht demBesitzer des Ladens, sondern war in einzelnen Abtheilungen vermiethet. Von dem jungenManne erfuhr sie, daß augenblicklich nur eine einzelne Dame, welche vor Kurzem ausdem Auslande angekommen sei, dort wohne. Wenn also Jemand an der Thür geschellthatte, so mußte er nothwendig diese aufgesucht haben. Er rieth Bertha daher, die Privat-schelle zu ziehen und nach Mrs. Lemont zu fragen.

Sie befolgte den Rath; einstämmiger, älterer Diener öffnete die Thüre und führtesie, nachdem er ihren Wunsch erfahren, die Treppe hinauf in's Wohnzimmer und bot ihreinen Stuhl mit dem Bemerken an, daß er sie seiner Herrin anmelden werde.

Mrs. Lemont wird mein Name unbekannt sein", sagte Bertha, ihm die Karteüberreichend,aber bitte theilen sie ihr mit, daß ich sie nur wenige Minuten in Anspruchnehmen werde."

Bertha mußte eine Weile warten und hatte Muse, die Einrichtung des Zimmerszu besichtigen. Die Möbel waren so, wie man sie gewöhnlich in eleganten Mieth-.Wohnungen antrifft und die Gegenstände, welche zerstreut umherlagen, ließen auf luxuriöseGewohnheiten der jetzigen Bewohner schließen. Auf dem mittleren Tische befand sich einStrauß von seltenen Treibhauspflanzen, daneben lag ein mit Perlmutter und Gold ein-gelegter Operngucker und ein Fächer von Pfauenfedern. Das offenstehende Arbeits-kästchen zeigte die innere, goldene Einrichtung und ein echt indischer Shawl hing nach-lässig auf der Lehne eines Sessels. Der kleine, weiße Pudel, welcher Bertha mit starkemBellen begrüßt hatte, ruhte wieder in seinem mit rother Seide verzierten Korbe und amFenster stand ein vergoldeter Käsig mit ausländischen Vögeln.

Jetzt öffnete sich die Thüre und eine reich, aber etwas auffallend gekleidete Dametrat ein; sie war noch ziemlich jung und nicht ohne bedeutende körperliche Vorzüge, obgleichder zarte Teint und das üppige, schwarze Haar den Verdacht erregten, daß hier dieKunst der Natur zu Hülfe gekommen sei. Aber der Ausdruck des Gesichtes war nicht