angenehm; um die dünnen Lippen zogen sich harte Linien, und die schwarzen Augen,welche so nahe beisammen standen, hatten einen kalten Blick.
Ob die Verhältnisse sie dazu veranlaßten, oder ob wirklich eine gewisse Ähnlichkeitvorhanden war, Vertha glaubte diese ganz sicher zwischen der Dame und ihrem Reise-gefährten herauszufinden. Und doch, so frug sie sich selbst, welche Verwandtschaft könntewohl möglicherweise zwischen dieser fein geputzten, schönen Dame und jener entschiedenverkommenen aussehenden Persönlichkeit bestehen? Bertha nahm, der Einladung der Mrs.Lemont folgend von Neuem Platz und erzählte dann die Begebenheit des vorigen Abends,ohne jedoch auch hier den betreffenden Gegenstand näher zu bezeichnen; sie empfand un-willkürlich Mißtrauen gegen diese Frau, besonders da sie bemerkte, daß Mrs. Lemontbei der näheren Beschreibung des Mannes trotz der aufgelegten rothen Farbe sichtlicherblaßte.
„Welch' merkwürdiger Zufall! Aber Sie haben sich gewiß in Ihrer Vermuthung,die beschriebene Person habe hier geschellt, geirrt. Es wurde schon dunkel, wie Siesagen, wie leicht können Sie sich getäuscht haben. Eine derartige Persönlichkeit ist mirvöllig unbekannt; auch hat gestern Nachmittag nach vier Uhr Niemand mehr hier Besuchgemacht."
„Wäre es nicht möglich, daß er Jemanden von Ihrer Dienerschaft aufgesucht habe?"frug Bertha.
„Das ist nicht wahrscheinlich. Wir sind erst vor Kurzem aus dem Auslandehierher gekommen; meine Leute haben gar keine Bekannte in London , aber wenn Siees wünschen, werde ich mich darnach erkundigen."
Mrs. Lemont schellte; derselbe Diener, welcher Bertha hineingeführt hatte, erschien.
„Ist gestern Abend gegen sieben Uhr irgend Jemand hier gewesen, Perkins?"frug Mrs. Lemont, und Bertha glaubte sein Zeichen des Einverständnisses zwischen derHerrin und dem Diener zu bemerken.
„Nein, Niemand, Madame."
„Vielleicht hat Eliza die Thür geöffnet?" fuhr Mrs. Lemont fort.
„Nein, Madame, das ist nicht möglich. Ich war den ganzen Nachmittag undAbend zu Hause, und Eliza oben mit ihrer Arbeit beschäftigt."
„Es ist gut, Du kannst gehen", und der Mann zog sich zurück.
„Sie sehen", fuhr sie gegen Bertha gewendet fort, „daß wir Nichts von der frag-lichen Person wissen. Der Mann hat vielleicht irrthümlicher Weise an dieser Thüregeschellt und ist dann weiter gegangen. Hat der verloren gegangene Gegenstand hohenWerth?"
„Er rst immerhin werthvoll genug, um von Demjenigen, der ihn verloren hat,schmerzlich vermißt zu werden", erwiderte Bertha fest entschlossen, sich auf nichts Nähereseinzulassen; deshalb stand sie auf und empfahl sich, nachdem sie Mrs. Lemont daraufaufmerksam gemacht, daß ihre Adresse auf der Karte angegeben sei.
Der scharfe Wind hatte den Sieg davon getragen und die Regenwolken weggefegt;matte Sonnenstrahlen durchdrängen die feuchte Luft; auch die Kälte hatte etwas nach-gelassen. Vertha Dalton begab sich nach Beendigung ihrer Musikstunden zu der Halte-stelle des Omnibus, um zu fragen, ob vielleicht Erkundigungen nach dem Ringe angestelltworden seien. Nachdem sie eine verneinende Antwort erhalten, ließ sie auch dort ihreAdresse zurück und nun blieb ihr weiter nichts übrig, als abzuwarten, ob nicht eine An-frage in der Times erscheinen werde.
Nach der Persönlichkeit des Mannes zu urtheilen, welcher mit ihr im Omnibusgefahren und der geheimnißvollen Verbindung, die ihrer festen Ueberzeugung nach zwischenihm und der Dame bestand, erwartete Bertha nicht, daß er kommen und den Ring alssein Eigenthum beanspruchen werde und so beschloß sie, in der unbestimmten Hoffnung,eines Tages den wirkliche» Eigenthümer anzutreffen, ihn selbst zu tragen. Zu Hauseangekommen, eilte Lena ihr mit einem offenen Briefe in der Hand entgegen.