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„Wenn Du heute Morgen nur noch zehn Minuten gewartet hättest, wäre Dirschon diese angenehme Ueberraschung zu Theil geworden."
„Und meinen Schülerinnen eine sehr unangenehme, indem ich sie hätte wartenlassen; aber was gibt's? Wer hat geschrieben?"
„Die liebe alte Lady Langley; sie ladet uns auf acht Tage zu Ende April ein.Wirst Du hingehen können?"
Bertha's Miene erhellte sich.
„Wie liebenswürdig von ihr, an uns zu denken!" rief sie aus. „Ja, ich glaube,ich werde gehen können. Miß Beaumont gibt dann vierzehn Tage Ferien, und ich kannmeinen anderen Schülerinnen anstatt Ostern, zu dieser Zeit frei geben. Wie herrlich wirddas sein!"
„Sie haben jetzt gewiß schon eine Menge Bekannte in dortiger Gegend", bemerkteLena, indem sie ihrer Schwester die Treppe hinauf folgte. „Wer weiß, was darausentstehen wird?"
Auf jeden Fall ist es für uns eine sehr angenehme Abwechselung; ich erwartenichts Anderes", entgegnete Bertha lächelnd.
„Ich glaube gern, daß Du das nicht thust", gab Lena zu. Du bist ein solchruhiges Mäuschen, Dein Verlangen ist es nicht, eine vornehme Partie zu machen; aberich thue das, und hier sieht man ja Niemanden."
„Dann spute Dich» das Ersehnte zu Stande zu bringen", sagte Bertha lachend;„Du hast schon so lange Zeit davon gesprochen."
„Gib mir nur die Gelegenheit dazu", erwiderte Lena, sich in dem Spiegel be-trachtend. „Welche Schritte hast Du wegen des Ringes gethan?" frug sie, da sie be-merkte, daß Bertha ihn, nachdem sie die Hände gewaschen, wieder an den Finger steckte.
Diese erzählte es ihr und fügte hinzu, daß sie jetzt den Ring tragen werde, bisder Eigenthümer gefunden sei.
„Willst Du mich das nicht thun lassen, er gefällt mir außerordentlich gut?"
„Nein, ich gehe mehr aus als Du, Lena", wandte Bertha ein, „und vielleicht wirder doch bald zurückgefordert. Schreibt Lady Langley noch sonst etwas in ihrem Briefe?"
„Sie spricht davon, wie ihre neue Heiuiath ihr immer besser gefalle und daß sieeinige recht angenehme Nachbarn habe und ihre Besitzung an den Park des LordAlphington angrenze."
„Hast Du vielleicht vor, den alten Lord Alphington zu erobern", neckte Bertha;„er ist Wittwer, wahrscheinlich noch nicht weit über siebzig Jahr« alt und unermeßlichreich, wie man sagt."
„Ich bin gespannt, ob die Geschichte wahr ist", sagte Lena mit Achselzucken.
„Welche Geschichte?" frug ihre Schwester, die Halskrause auf ihrem einfachenschwarzseidenen Kleide, welches sie gewöhnlich des Nachmittags trug, befestigend.
„Erinnerst Du Dich nicht mehr? Man erzählte sich ja, sein zweiter Sohn hab^sich einer unehrenhaften Handlung schuldig gemacht und sei nach Amerika gegangen.Später starb Lord Chalsont, der älteste Sohn, sammt seinen Kindern, und nun ist keinErbe für den Titel und das Besitzthum dort."
„Ja, jetzt fällt mir ein, daß ich darüber habe sprechen hören. Freue Dich, Lena,desto bessere Aussichten für Dich."
„Du machst Dich immer über mich lustig, Bertha, aber warte nur, eines Tageswirst Du sehen, daß ich Jemanden erobert habe, der annehmbarer ist, als alle unserehiesigen Bekannten", entgegnete Lena schmollend.
„Du eitles Geschöpf; ich will Dir aber doch sagen, daß man Titel und Reichthumnicht alle Tage auf der Straße findet — und Du bist schon 23 Jahr« alt» Lena."
„Weshalb mich immer an diese unangenehme Thatsache erinnern?" frug diese inärgerlichem Tone.
«Ich wünsche Dir von Herzen, daß Du Jemanden antriffst, den Du wahrhaft