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lieben und achten kannst; alle Titel der Welt können dies nicht aufwiegen", erwiderteBertha ernst.
„So denke ich nicht!" rief Lena aus. „Wenn der alte Lord Alphington mir einenAntrag machte und ein schönes Witthum bestimmte, ich würde ihn morgen am Tageheirathen."
„O stille, Lena! Ich kann es nicht ertragen, solche Reden von Dir zu hören.Komm jetzt, ich bin fertig, wir wollen zu Mama hinuntergehen." Sie lief voran, alsob sie dem Anhören solcher Gesinnungen, die ihr reines, selbstloses Herz empörten, ent-rinnen wolle.
Drittes Capitel.
In einem großen Gemache, welches dem doppelten Zwecke eines Wohnzimmers undMalerateliers entsprach, faßen zwei junge Leute rauchend am glühenden Kamine.
Das Zimmer besaß drei Fenster, wovon das mittlere bis hoch zur Decke hinauf-reichte; der untere Theil desselben war mit einem grünen Vorhänge verdeckt. Zn nächsterNähe von diesem stand eine Staffelei mit einem unvollendeten Bilde; verschiedeneZeichnungen und Mappen waren gegen die Wand angelehnt. Auf einem Tische in derNähe der Staffelei lagen Palette, Pinsel, Farben, überhaupt alle Utensilien eines Malers.In der andern Ecke des Zimmers herrschte etwas mehr Ordnung: dort war der Tischmit einer grünen Tuchdecke behängen, an der einen Seite des Kamins stand ein gutgefüllter Bücherschrank und diesem gegenüber ein hübscher Schreibtisch; Flügelthürenführten zu dem anstoßenden Schlafzimmer. Die beiden Raucher ruhten in bequemenSesseln; ihnen zur Seite stand auf einem kleinen Tischchen eine Flasche mit Gläsern undein Cigarrenkistchen.
„Das ist eine fatale Geschichte ohne Zweifel", sagte der jüngere der Beiden, einlebhaft aussehender Bursche mit blondem Haare und lachenden, blauen Augen; die zartenAnfänge eines weichen Schnurrbartes zierten seine Oberlippe.
„Sein Gefährte, den er anredete, war vielleicht sechs- oder siebenundzwanzig Jahrealt. Er hatte eine dunkele, etwas bleiche Gesichtsfarbe; das dichte, wollige Haar umgabvortheilhast die schön geformte Stirne. Seine grauen Augen hatten schwarze Wimpern,die Lippen waren, wenn auch nicht voll, so doch wohl gebildet, und die fast viereckigeForm des Kinnes ließ auf Festigkeit des Willens schließen. Auch er trug einen Schnurr-bart, dieser war dicht und schwarz, wie sein Haar. Seins mittelgroße Gestalt machteden Eindruck außergewöhnlicher, durch häufige Uebung erworbener Stärke. In derHaltung des Kopfes und der.ganzen Erscheinung lag ungezwungene Selbstbeherrschung,vielleicht mit etwas Stolz gepaart. Im Ganzen war er ein schöner, stattlich aussehenderMann, der selten unbeachtet blieb.
„Ja, das ist wahr, erwiderte er auf die Bemerkung seines Freundes, „und wasdas Schlimmste dabei ist, ich bin mir gar nicht klar, was in der Sache zu machen wäre."
„Weshalb nimmst Du nicht die Hülfe eines Geheimpolizisten in Anspruch?" frugder erste Redner.
„Das habe ich gethan, aber bis jetzt ist Nichts entdeckt worden. Ich weiß über-haupt nicht, 'wie ich mir den Raub erklären soll, da ich mir bewußt bin, keinen einzigenFeind auf der Welt zu besitzen. Und weshalb sollte ich auch einen solchen haben?"
„Und weshalb sollte ich «inen haben?" bemerkte der jüngere Mann. „Und dochwill meine Tante gar nicht sterben und mir einige tausend Pfund Sterling vererben.Wenn das nicht als Feind gehandelt ist, dann weiß ich es nicht."
„Sage lieber als Freund", entgegnrte sein Gesellschafter; „denn, wenn Du rmBesitze des Geldes wärest» wie rasch würdest Du es wohl ausgegeben haben, und jetzthast Du noch immer etwas zu erwarten. Du solltest Dir wirklich Mühe geben, mithundert Pfund das Jahr auszukommen, Douglas ."
„Das hast Du gut sagen, alter Bursche, Deine sichere Einnahme beläuft sich aufwehr als zweihundert Pfund das Jahr. Ich wollte, meine Mutter hätt« mir auch so