Ausgabe 
(8.9.1883) 72
 
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über 100 Meilen durch dichten Nadelwald bis zu ihrem Endpunkte, Tacoma, am Paget-funde. Portland am Columbia, diese im kräftigen Aufblühen begriffene Stadt, imponirtdurch die Größe und Mannigfaltigkeit des hier konzentrirten Verkehrs zwischen demwestamerikanischen Binnenland und dem Stillen Ozean. Obgleich dieser Platz noch fast100 Meilen oberhalb der Mündung des Stromes, ist er dennoch den größten Seedampfernzugänglich, welche die Verbindung mit Sän Francisco herstellen, und die nun nachVollendung der Bahn ohne Zweifel seinem Handel weitere Beziehungen mit Ostafien undAustralien eröffnen werden.

Auf der ganzen von der Nord-Pacific-Bahn durchlaufenen Strecke sind die Schön-heiten der amerikanischen Gebirgslandschaft in so reichem Maße entwickelt, daß ihr Ver-gnügungsreisende wohl fortan vor allen anderen des »ordamerikanischen Kontinents denVorzug geben werden. (Nordd. A. Ztg.)

Das Schlagwort vorndenkenden" Schauspieler,

das in den heutigen Theaterkritiken nachgerade oft genug vorkommt, um die etwaigennaturwüchsigen Triebe unserer Schauspielkunst vollends auszurotten, wird in einemFeuilleton derVohemia" gebührend beleuchtet durch einige drastische Beispiele. DerSchauspieler Wilhem Kunst war seiner Zeit namentlich als Darsteller Karl Moor's be-rühmt. Es vereinigten sich in diesem Manne viele äußere und geistige Vorzüge, um ihnzu einem der gefeiertsten Künstler seiner Zeit zu machen aber auch nur solange, als Wilhelm Kunst auf den Ruf einesdenkenden" Künstlers verzichtete. Ohnejegliche wissenschaftliche Bildung traf er das Rechte und riß das Publikum zu lautestenBewunderung hin. Plötzlich fiel es Kunst ein, eindenkender" Künstler werden zuwollen und er blamirte sich! In Augsburg war es, im Jahre 1849, wo ichWilhelm Kunst wiedersah, als er bereits mit demDenken" angefangen hatte. Es warProbe von Kotzebue'sBayard", und Wilhem Kunst fragte eifrig, ob er zum Abendnicht ein Bärenfell haben könne.Bayard im Bärenfells" flüsterten die Schauspielerdas ist noch nicht dagewesen!"Wenn eines aufzutreiben ist" stotterte ver-legen der Requisiteurso"Es muß aufgetrieben werden!" herrschte WilhelmKunst ,ich brauche es nothwendig! Ohne Bärenfell keinen Bayard!" Und dasBärenfell ward aufgetrieben. Triumphirend trat der Requisiteur Abends zu WilhelmKunst in die Garderobe, das Bärenfell wie eine theure Reliquie an seinen Busen ge-drückt.Schön!" sagte Wilhelm Kunst ,heben Sie's auf bls zum zweiten Akt, dawerd' ich's brauchen!" Ehe der zweite Akt anging, nahm Wilhelm Kunst das Bärenfellund breitete es eigenhändig vorn an der ersten Koulisse auf den Boden. Noch immerwar den Kollegen der eigentliche Zweck des Bärenfells unbekannt und erwartungsvollstanden sie in den Koulissen, aufmerksam lauschend, wie sich das Räthsel mit demselben^ lösen werde. Endlich naht die Entwicklung: Wilhelm Kunst stellt sich dicht vor das. Bärenfell, deutet mit dem Finger darauf und spricht die Worte seiner Rolle:Ich mag

H nicht länger auf der Bärenhaut liegen!"-Eine weitere Dosis seines Denkens"

gab er auf der Probe vonHinko". Nach der ersten Szene des fünften Aktes hatKönig Wenzel die Tischglocke zu läuten, die den Pagen hereinruft. Wilhelm Kunst läutet, wendet sich aber sogleich zum auftretenden Pagen und spricht:Kommen Sienicht gleich auf das erste Läuten; ich mache eine Pause und läute dann zum zweitenMale es muß dem Publikum doch anschaulich gemacht werden, daß Sie im zweitenZimmer von hier waren, Sie hätten ja sonst die ganze vorige Szene belauschen können."

Und nun ein Gegenstück zu diesemdenkenden" Künstler. Als Ludwig Devrient zum ersten Male nach Hamburg kam, um daselbst den Franz Moor als Gast zu spielen,da hatte er auf der Probe seine liebe Noth mit den» jugendlichen Darsteller des Herr-. mann, der trotz mehrfacher Wiederholung der Scenen mit Devrient Letzerem die Rolle

durchaus nicht zu Dank spielen konnte.Nein, junger Freund!" tadelte Devrient übel-launigso gshts nicht, das ist kein Herrmann, wie er mir paßt. Bedenken Sie doch,

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