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„Ängsdarger Postzeitimg."
Nr. 74.
Samstag, 15. September
1883.
Der GpKlrrng.
Roman aus dem Englischen von E. C.
(Fortsetzung.)
Die Unterhaltung drehte sich nun um Pfarrangelegcnhcitcn, und bald darauf ver-ließen die Damen das Eßzimmer. Bertha war glücklich, sich den Abend mit LadyLanglcy über frühere Zeiten unterhalten zu können und sang dann ihrem alten Freunde,Sir Stephan, zu Liebe eine Ballade nach der anderen; sie hatte eine hübsche Mezzo-sopranstimiiic und einen angenehmen gefühlvollen Vortrug. Lena letzte es ab zu singen;sie gab vor, zu müde zu sein. Sie spielte eine Partie Schach mit dem Rcctor, dochauch hierbei gelang es ihr nicht, ihre Langeweile zu verbergen.
„Wenn sich uns hier keine andere Abwechselung bietet, so wünschte ich, wir wärenzu Hause geblieben", sagte Lena zu ihrer Schwester, als sie sich zu ihren freundlichenZimmern begaben. Diese hatten eine hübsche Aussicht auf den Garten und waren durcheine Thüre, welche die beiden Mädchen offen stehen ließen, verbunden." „O, Lena, ichfinde es entzückend hier!" rief Bertha. „Aber ich will Dir etwas verrathen; nächstenDienstag kommt Lcnord Alphington und noch eine Menge anderer Menschen hierher zumDiner; dann wirst Tu Gelegenheit haben, Deine Erobcrnngskünste zu versuchen."
„An dem alten Lord Alphington? Danke schön", cntgegncte Lena; „dort ebenso-wenig, wie an dem jungen Holcrost."
„Nein, das darfst Tu auch nicht thun, den habe ich mir auserkoren; er ist einangenehmer junger Mensch, und ich schmeichele mir durch das Lied „schwarzäugigeSnsanna" meine Eroberung besiegelt zu haben", bemerkte Bertha lachend, während sieihre Haare herunterließ.
„Wie es Dir nur einfallen konnte, dieses lächerliche, alte Lied zu singen; über-steigt meine Fassungskraft."
„Sir Stephan bat darum und Papa hörte es so gerne."
Leise vor sich hin singend, schickte Bertha sich an, sich zur Ruhe zu begeben. Wares das Wiedersehen alter lieber Freunde, oder die Aussicht auf eine achttägige Erho-lungszcit, daß ein solch glückliches Gefühl ihr Herz durchströmte?
Im Dorfe dort herrschte die Sitte, an den Sonntagmorgm über eine ganze halbeStunde zu läuten, um alle guten Menschen znr Kirche zu rufen. Bertha, welche schonangekleidet war, öffnete ihr Fenster, um dein schönen Glockengeläute zu lauschen; nach-dem sie sich eine Weile der herrlichen Morgenluft erfreut, ging sie hin und weckte ihreSchwester.
„Steh' auf, Lena! beeile Dich, es ist so prächtiges Wetter."
„Mich soll's nur wundern, ob es sich heute der Blühe lohnen wird, aufzustehen",sagte Lena mit lautem Gähnen. „Geh' nicht fort, Bertha; ich werde unmöglich fertig,wenn Du mir nicht hilfst,"