Ausgabe 
(15.9.1883) 74
 
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Die gutmüthige Bertha willfahrte ihrem Wunsche, obschou sie einen Spaziergangdurch den Garten vorgezogen haben würde. Die beiden Schwestern traten nach einigerZeit zusammen in das Frühstückszimmcr, noch gerade zeitig genug, um dem gemein-schaftlichen Morgcngebete beizuwohnen.

Später begab sich die ganze Gesellschaft zu Fuße zur Kirche, da Sir Stephannur im äußersten Nothfalle an Sonntagen den Wagen benutzte. Der kürzeste Weg führtedurch ein Gehölz, welches zum Park von Alphington gehörte. Sir Stephan zog denArm Bcrtha's durch den seinigen und ging mit ihr voraus; die Anderen folgten in einiger 'Entfernung.

Ich wünschte mit Dir zu sprechen, liebe Bertha, und möchte Dich bitten, mirfrei und offen zu erzählen, was Du zu Hause anfängst", sagte er.

Bertha hatte keinen Grund dies zu verheimlichen und so beschrieb sie ihrem altenväterlichen Freunde ihre ganze Lebensweise.

Hm! Das gefällt mir nicht sehr. Das Einkommen müßte ausreichen, ohne daßDu nöthig hättest, Stunden zu geben und ich wollte wohl wetten, daß die meisten Haus-arbeiten Dir ebenfalls zufallen, Du arbeitest zu angestrengt, das kann ich nicht zugeben;Du sollst Deine Munterkeit und Deine blühende Gesichtsfarbe nicht dadurch einbüßen."

Bertha's Augen füllten sich mit Thränen bei der liebevollen Sprache des altenHerren. Das geringste Zeichen von Zärtlichkeit rührte sie tief.

Wirklich Sir Stephan", begann sie, aber dieser ließ sie nicht zu Worte kommen.

Nun höre, was ich Dir sagen will", fuhr er fort.Ich habe das Recht unddie Pflicht mit Dir zu sprechen, da ich Dein Pathc und ältester Freund bin. LadyLanglcy und ich haben die Sache zusammen überlegt. Wir besitzen keine Kinder unddeshalb wünschen wir, daß Du als unsere Tochter bei uns bleibest, selbstverständlichnur dann, wenn Du glaubst, bei so zwei alten Leuten glücklich sein zu können."

Glücklich! O, ja, wie unendlich glücklich würde ich sein", erwiderte Bertha.Esist zu gütig von Ihnen und Lady Langtet) in dieser Weise meiner zu gedenken!" Tau-send Dank dafür, aber ich darf Mama und Lena nicht verlassen."

Die Stärke dieses Eiuwandcs kann mir nicht recht einleuchten, jedoch will ich Direinen Vorschlag machen, Bertha. Ich weiß wohl, daß Du Deinen Schülerinnen nichtso ganz plötzlich kündigen darfst; dies würde auch Deinem Pflichtgefühle zu sehr wider-streben, aber Miß Dalton muß im Herbste mit Euch beiden Mädchen zn einem rechtlangen Besuche hierher zu uns kommen und dann wollen wir weiter darüber sprechen.Jetzt kein Wort mehr davon", fügte er hinzu, da er bemerkte, daß Bertha im Begriffewar, Einsprache zu erheben. Es bot sich auch in der That keine Gelegenheit mehr,die Unterhaltung fortzusetzen; sie hatten den Kirchhof bereits erreicht.

Bertha konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, als sie sich im Geiste ausmaltewie angenehm es sein müsse, in dieser reizenden Gegend bei so liebenden Menschen lebenzu dürfen; aber sie unterdrückte sofort dieses Verlangen.Ich darf es nicht wünschen,es wäre nicht recht", sagte sie bei sich.

Als sie durch das Thor des Kirchhofes traten, wandte sich ein Herr, welcher bisdahin mit einem Landmanne gesprochen, um, begrüßte Sir Stephan mit herzlicheinHändedrnck und Bertha durch Abnahme des Hutes. Er war von großer Statur, dochhatte er eure etwas gebeugte Haltung, welche dem Anscheine nach mehr von großerSorge als Altersschwäche herrührte. Seine Züge besaßen eine fast weibliche Zartheitmit Ausnahme der breiten Stirne und des kräftig geformten Kinnes. Das knrzgcschnitteneHaar war schneeweiß, aber der Schnnrrbart hatte noch eine bräunliche Färbung unddie durchdringenden klaren Augen schienen ihr jugendliches Feuer nicht verloren zn haben.

Er ging mit Sir Stephan bis zur Kirchthüre; Bertha blieb-mrnck und schloß sichLady Langlcy, welche eben das Thor erreicht hatte, an.