Ausgabe 
(15.9.1883) 74
 
Einzelbild herunterladen

589

Die übrige Gesellschaft nahm jetzt die Aufmerksamkeit Lord Alphingtoii's in An-spruch, aber vor seinem Weggehen kam er nochmals zu Bertha zurück und unterhielt sichmit ihr über verschiedene Gegenstände; ihr bescheidenes ungekünsteltes Wesen gefiel ihm;er bewunderte ihren Verstand, ihre reiche Begabung und Geistesbildung, welche sie un-bewußt an den Tag legte; und Bertha lernte ihrerseits den alten Edelmann achten undlieben.

Sir Stephan und Lady Langley haben ihm gewiß von meinem theuern Vatererzählt und ihm dadurch auch Interesse für mich eingeflößt", dachte sie bei sich.

Aber dem war nicht so. Es geschah freilich nicht selten, daß Bertha völlig un-bemerkt blieb; auch von Seiten Lord Alphington's würde dies wohl der Fall gewesensei», wenn sie nicht durch die Geschichte des Ringes zuerst seine Aufmerksamkeit erregthätte. Doch war man einmal näher mit ihr bekannt geworden, so fühlte man sich un-willkürlich von ihrer Liebenswürdigkeit gefesselt. Lena erwarb sich Bewunderer, Berthahingegen Freunde.

Beim Abschiede trat Lord Alphingtou zn den beiden Schwestern, welche ein Duettgesungen hatten, an's Clavier und sagte freundlich: Lady Langley will mir das Ver-gnügen machen, mich nächsten Donnerstag zu besuchen; ich hoffe sehr, die beiden Damenwerden diese Freude durch Ihre Gegenwart erhöhen."

Sein Blick "schloß Lena in die Einladung mit ein, aber an -sertha wandte er sichund ihre Hand ergriff er, so daß Lena ihren Aergcr, nur so nebenbei gebeten wordenzu sein, kaum unterdrücken konnte.

Ein anderer Trost war ihr den Tag über auch nicht zu Theil gewordcu. Amfolgenden Morgen frug Sir Stephan sie beim Frühstück, ob es ihr gelungen sei, Mr.tzartley von Beechwood cinzufangcn, er könne ihr nur dazu rathen, da er ein reicherJunggeselle sei, doch fürchte er, es werde schwer halten, ihm irgend ein Interesse, außerfür .Hunde und Pferde, einzuflößen.Desto größer ist aber auch der Triumph, einesolche Eroberung gemacht zn haben. Gelt, Lena", fuhr er unter herzlichem Lachen fort.Diese erröthete und biß sich auf die Lippen. Es hatte Lena schon oft verdrossen, daßSir Stephan sich auf ihre Kosten amüsirte. Wenn sie auch mit gewohnter Berechnungihren Erobernngsplan durchführte, so verletzte es sie doch sehr, ihr Verhalten so un-barmherzig an die Ocffentlichkeit gezogen zn sehen.

Ich werde meinen Zweck doch erreichen", tröstete sie sich heimlich und dannmögen sie lachen, so viel sie wollen.

(Fortsetzung folgt.)

G o l d k ö r n c r.

Die Demuth fühlt sich arm, fühlt sich gering und schwach,lind hält von Kleinmuts! doch sich fern im Ungemach.

Die wahre Demuth trägt den Starkmuth auch in sich,

Sie hofft auf Gott allein; Er hilft ihr sicherlich.

Wohl fühlt die Demuth arm und schwach sich allezeit,Doch Alles sie vermag in Dem, der Kraft verleiht.

Das Schwere mache nicht zum Spiele,

Sticht läßt sich'S mühelos bezwingen;Beharrlichkeit nur führt zum Ziele,

Versuch' es neu, es wird gelingen!

Vollenden und FertigmachenSind zwei, meist verschiedene Sachen;

Mit dem Letzten gibt sich der Schüler zufrieden,

Das Erste ist nur dein Meister beschicdcn.

F. Beck.