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Das erste Gedicht.
* Es war natürlich, daß die Jubelfeier des 16. Juni 1876 die ganze Welt inBewegung setzte. An diesem Tage hatte Pins IX., der Große, der allein von zwei-hundertundsechzig Päpsten die Jahre des heil. Petrus sah, durch dreißig Jahre dieLast der dreifachen Krone getragen. Ob er auch beraubt, mißhandelt, verleumdet undverhöhnt war, wie man seit den Tagen der Martyrcrpäpste schwerlich einen NachfolgerPetri gesehen, er wurde auch von dem ganzen katholischen Erdkreis gefeiert, vielleichtwie keiner zuvor. Die Katholiken aus fünf Wclttheilcn wallten zu den Schwellen derApostelfürsten, oder sandten Deputirte nach der ewigen Roma, dem gefangenen Papsteihre Huldigung zu bringen; sie bezeugten, wie Hüls kamp sagt, daß sie im Papste ihrwirkliches geistiges Oberhaupt und den wahrhaftigen Statthalter Christi auf Erden ver-ehren, daß sie die Beraubung des Papstes als eine Beraubung der Kirche, daß sie dieBeschränkung ihrer Unabhängigkeit als einen Eingriff in die Freiheit ihrer Gewissen, daßsie seine Verfolgung als ihre persönliche Verfolgung ansehen.
Die Secundizfcier des Papstes war ein Weltfest, ein Familienfest der katholischenKirche . Im Abend- und Morgenlande, in der alten und neuen Welt wurde es gleichfestlich vorbereitet und begangen. Keine Kirche war und kein Dom, in denen nicht dieFestesfreude wiederhabt hätte, und kein Stüblein und keine Hütte, in denen man nichtgebetet, gedankt und sich gefreut hätte. Die ganze Welt wurde in Bewegung gesetzt!Ja, die Welt im Großen und die Welt im Kleinen, auch die Welt der — Dichter! KeinFest ohne Dichter. Wo immer ein Fest gefeiert wird, ein Fricdensfest, ein Jubiläum,es rühren sich Dichter und Dichterlinge sogleich. Ein Jeder möchte das Seine zur Fest-feier beitragen, sein Gedicht an der Spitze eines Wcltblattes oder doch des ersten Local-blattes gedruckt sehen, seinen Namen durch aller Leute Mund getragen und von Ge-schlecht zu Geschlecht fortgeerbt wissen, er möchte mit Einem Worte berühmt werden!Darum kein Fest ohne Dichter.
Und so träumte und dachte ein Gymnasiast, der, obwohl noch gar nicht in derPoesie, dennoch den Pegasus bestiegen und auch das Seine, und wie er meinte, dasBeste zur Secuudiz des großen Papstes Pius IX. beitragen wollte. Er meinte es gut,er war eine treue, gute Seele, er hing mit Liebe und edelster Begeisterung am gefeiertenKirchcuhaupte, und was konnte er dafür, daß es ihn nun einmal mit unwiderstehlichemDränge zum Dichten trieb? Und wer könnte es ihm verargen, daß auch er wie alleDichter bereits von seiner einstigen Größe und Berühmtheit träumte, daß es auch i h mvorkam, als werde sein Name einst neben den der „Lieblinge der Nation" genanntwerden? So ist's noch allen Dichtern ergangen.
Es war ein schöner Juni-Abend. Die Sonne stieg leuchtend über den Horizonthinunter, die Sterne grüßten zur Erde, die Blumen neigten auf Flur und im Wald zumsüßen Schlummer ihr Hänptchen. Und über ihnen und unter den herrlichen Eichenriesen,auf denen noch die Vöglein ihr Abendlied sangen, schritt der junge Dichter der Stadtdein engen, hohen Hanse zu, in dem er ein Dachstüblein bewohnte. Bald wird dieAvcglocke klingen, das bewußte Zeichen für die Studenten. Doch ehe sie noch klang, saßder Gymnasiast bereits am Pulte und neben ihm lag Koch's griechische Grammatik unddie bekannte Geschichte von Pütz und der noch mehr bekannte Virgil. Doch diese lagenruhig und schweigsam neben Ihm, er aber hatte heute das deutsche Lesebuch aufgeschlagenund blätterte sinnend im zweiten Theile herum. „Eine der schönsten Dich tungs-formen, vielleicht die schönste und erhabenste von allen" — also las der Studiolaut aus dem Buche vor sich hin — „ist das Sonett." — „Also nehm ich dasSonett zu einem Hnldigungsgedichte", — „vierzehn Zeilen, — vier Strophe:!, — zweivielzellige und zwei dreizcilige I alllla, II allda. III ecke, IV ecks u. s. w. Beispielaus Göthc: