Ausgabe 
(15.9.1883) 74
 
Einzelbild herunterladen

Natur und Knust, sie scheinen sich zu fliehenUnd haben sich, eh' man es denkt, gefunden;

Der Widerwille ist auch mir verschwunden,

Und beide scheinen gleich mich anzuziehen!"

Also las der Studio, dann klang die Avcgtockc und er betete heute recht innig undandächtiger als gewöhnlich und bat dringend die Mutter Maria sie möchte ihm heuteauch Muse sein.-

Dann setzte er sich wieder an sein Pult, nahm Papier und Bleistift, und fingsogleich zu Denken und zu Dichten an:

Schlagen tragen klagen sagen wagen fragen.

Wahren fahren Schaarcn harren offenbaren.

Der Leser sieht, wie sich das Sonett entwickelt.

Als der Thürmcr zum ersten Male den Hammer in Bewegung setzte und die zehnteStunde gekommen war, da war die Stadt, ohne das; auch nur ein Bewohner vondieser Ehre träumte, um ein schönes Gedicht reicher und barg einen glücklichen Jünglingmehr in seinen alten Mauern. Das Gedicht tvar fertig, der erste Ritt auf dem Dichter-roß gelungen, ein inniges Dankgebet sandte der junge Dichter aus der Tiefe seinesHerzens zu den Sternen; der Silbermond sah lächelnd in's kleine Dachstüblein, wovor'm Fenster der Dichter stand mit dem Papier in der Linken und also in seinemGlücke in die schöne Nacht deklamirte:

Du hälft das Steuerruder jetzt schon während vielen Jahren;

Du halst es fest in bangen, trüben, sorgenvollen Tagen.

So sehr mich Meereswogen stürmisch an das Schifflein schlagen,

Nicht wird es je zerschellend, berstend an die Klippen fahren.

WaS hier Du, Schiffer, duldest: Alles wird einst offenbaren,

Der hoch im Himmel höret Deine schmerzcnvollen Klagen.

Doch nimmer wollen wir in all' den Leiden je verzagen,

Wir wollen feste Liebe Dir und echte Treue wahren.

In allen trüben Stunden wollen wir an Dich uns halten,

Und immer stehen fest in Deinem fcstgcbauten Schiffe,

Und keine Macht soll je uns wankend oder zitternd machen.

O daß Du noch recht lange als der Schiffer mögest walten,

Das Schifftest! wahren, retten vor dem jähen FelsenriffeUnd aus der heimlich List der bösgesinntcn Höllendrachen!

Als das letzte Wort verklungen war, da war er müde der Dichter, und so gernnoch der alte Birgst ein wenig Unterhaltung gewünscht hätte, er warf sich auf's Lager,doch las er noch dreimal sein erstes Gedicht, ehe er das Lämpchcn erlöschen ließ. Vor Glückund Seligkeit konnte er lange nicht schlafen. Er erwog in seinem Geiste, welches Blattdie Ehre und Auszeichnung haben sollte, seine Spitze mit dem Gedichte zu schmücken.Und der Studio kam mit sich überein, sein Lcibblatt damit zu beehren und gleich morgenfrüh das Gedicht an die Redaktion dieses Blattes abgehen zu lassen. Dann siel er inSchlummer, und schlief so süß, wie schon lange nimmer. Und er träumte heute nichtwie sonst von Professoren und Scriptioncn und von der lieben Heimath, sondern nurvon seinem Ruhme und seiner Dichtergröße.

Als die goldene Eos im Osten herausfuhr, saß der Studio bereits wieder anseinem Pulte und schrieb ein Brieflein an dievoreheliche Redaktion" des Leibblattes.Da fuhr ihm ein Gedanke wie ein Blitz durch die Seele. Wenn das Gedicht eineBeleidigung, eine Injurie enthielte? Was dann? Dann könnte ich eingesperrt,könnte dimittirt werden. Der junge Dichter kämpfte einen heißen, einen langen Kampf.Er erinnerte sich der vielen Eonfiseationcn der Blätter und Bestrafungen der Redakteure,wenn nun sein Gedicht so was veranlaßte? Er wußte sich nimmer zu helfen. Nathlossaß er über dem angefangenen Briefe. Da kam ihm seine Muse zu Hülfe und dictirte