Ausgabe 
(22.9.1883) 76
 
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Menge Spiegel erhöhten den Effekt des Lichtes und der Entfernung. Dies war dieHeimath Lord Alphingtons, und hier begrüßte er herzlich die ankommenden Gäste.

Für Alle, außer Bertha, ging die Frühstücksstunde in der heitersten Stimmungvorüber. Nach derselben führte Lord Alphington sie in die Gemälde-Galerie. Diesenahm, an der Hinteren Seite des Hauses den ganzen ersten Stock ein; die breiten Fensterwaren nur durch schmale Pfeiler, an denen kostbare Vasen und werthvolle Alterthümer.standen, von einander getrennt. Man hatte eine reizende Aussicht auf den hübschen mitSpringbrunnen und Statuen versehenen Blumengarten. Die Galerie bestand hauptsäch-lich aus Familien-Portraits. Hier blickte mit finster zusammengezogenen Brauen eingeharnischter Krieger auf die Besuchenden hernieder, und dort schaute eine ehrsame Damemit steifem Kopfputz und Reifrock aus der Leinwand heraus. Weiter unten war einreichgekleideter Hofmann aus der Zeit Karls I. , von van Dyk gemalt und neben ihmgewahrte man eine reizende Schäferin mit fliegendem Gewände und offenen Haaren,Lurch den Pinsel Sir Peter Lely's verewigt.

Lord Alphington schien in außergewöhnlich heiterer Laune zu fein, er lachte herz-lich über die Scherze Sir Stephan's und besprach lebhaft die Veränderungen, welche anLarkspur vorgenommen werden sollten.

Auf dem Wege zur Galerie hin nahm er Bertha, deren ernstes Aussehen ihmaufgefallen war, bei Seite.

Fühlen Sie sich nicht wohl?" frug er, sie in eine der Fensternischen führend,in freundlichem Tone.Sind Sie müde, wollen Sie sich lieber etwas ausruhen?"

O nein, danke sehr, ich bin durchaus nicht müde, aber ich habe unangenehmeNachrichten erhalten. Zu meinem größten Bedauern muß ich Ihnen sagen, daß derRing von Neuem verloren oder, wie mir scheint, gestohlen worden ist."

Ihre Lippen bebten, während sie sprach, und es kostete ihr große Anstrengung,die Thränen zu unterdrücken.

Von Neuem verloren?" rief Lord Alphington erstaunt aus.Wie hat sich daszugetragen?"

Bertha zog das Schreiben ihrer Mutter aus der Tasche hervor; dieses war wiealle Briefe der Mrs. Dalton ohne jeden Zusammenhang der Ereignisse und ohne irgendeiner Interpunktion von Anfang bis zu Ende geschrieben; dazu in einer sehr unleserlichenHandschrift, und jeder Mittheilung, welche sie machte, folgten eigene Reflexionen, derenSinn kein Mensch verstehen konnte. Um Lord Alphington die Sache einigermaßen klarzu machen, war Bertha genöthigt, einzelne Sätze herauszusuchen und zusammenzustellen.Danach schien es, daß an demselben Morgen, wo Bertha das Telegramm mit der Bitte,ihr den Ring zu senden, geschickt, eine ältere verwittwete Dame Mrs. Dalton besuchthatte, um sich nach dem Charakter einer Dienerin zu erkundigen. Vermuthlich, wenig-stens kam es Bertha so vor, hatte ihre Mutter sich mit der Fremden in eine weitläufigeUnterhaltung eingelassen und auch von Ringen gesprochen. Die Folge davon war, daßMrs. Dalton Bertha's Abenteuer erzählte und den Opalring hervorholte, um ihn derFremden zu zeigen. Diese habe ihn sehr bewundert, und dann zurückgegeben, davonsei sie fest überzeugt. Als Bertha's Telegramm angekommen, habe sie den Ring ausder Schatulle herausnehmen wollen, aber er sei fort gewesen.Er kann nicht gestohlenworden sein", schrieb Mrs. Dalton weiter,denn ich habe das Zimmer keinen Augen-blick verlassen und mich nur einmal umgewandt, um eine Adresse zu schreiben. Zudemsah die Fremde so anständig und vornehm aus, daß man unmöglich den Verdacht hegenkann, der Ring sei von ihr genommen worden, selbst wenn sich ihr auch Gelegenheitdazu geboten hätte." Mrs. Dalton drückte tiefes Bedauern aus, versicherte aber neben-bei, daß keine Schuld sie treffe. Natürlich, sie war ja immer ein Muster von Weis-heit und aufopfernder Hcrzensgüte in ihren eigenen Augen.