Ausgabe 
(22.9.1883) 76
 
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worüber Lena so gelangweilt aussah, daß Bertha hinzutrat, um ihre Schwester vondieser Unterhaltung zu erlösen; deshalb frug sie:

Können Sie denn mit Bestimmtheit angeben, in welcher Weise man die Schiffevor zweihundert Jahren aufzutakeln pflegte?"

Aber sehen Sie doch nur, es ist ja ganz unmöglich, jenes Bramsegel einzureffen",sagte der junge Mann herzlich froh, eine aufmerksame Znhörerin gefunden zu haben.

Ich verstehe gar nichts davon", lachte Bertha;Sie müssen es mir zu Hauseausführlicher erklären, denn jetzt fehlt die Zeit dazu, da wir in den Garten gehen."

Als sich die Gesellschaft am Nachmittage von Lord Alphington verabschiedete,steckte dieser einen Perlenring an Bertha's Finger, indem er sagte:

Wollen Sie ihn zur Erinnerung an Jemanden, der sich glücklich preisen wird,von Ihnen als Freund betrachtet zu werden, tragen?"

Bertha dankte dem freundlichen, alten Herrn aus voller Seele und versicherte ihm,wie hoch sie d'as Vorrecht, welches er ihr dadurch einräume, zu schätzen wisse.

Mein sehnlichster Wunsch besteht darin, daß der verloren gegangene Ring, fallser wiedergefunden wird, später die Hand einer so liebenswürdigen, jungen Dame, wieSie es sind, schmücken möge. Leben Sie Wohl, bis wir uns wiedersehen, hoffentlichbin ich dann im Stande, Ihnen Jemanden vorzustellen, der es besser verstehen wird, denAufenthalt zu Alphington angenehm zu machen, als ich alter Mann dies vermag."

Bertha, durch das Lob des Earls verlegen gemacht, flüsterte einige unverständ-liche Worte, und so schieden sie.

Freitag mußten die Schwestern nach London zurückfahren, da Bertha's Musik-Stunden schon in der kommenden Woche beginnen sollten und sie noch einen freien Tagzu Hause zu haben wünschte.

Neuntes Capitel.

An demselben Nachmittage, an welchem Lady Langley, unter den Ruinen sitzend,einen Theil der Familiengeschichte Lord Alphington's erzählt hatte, schritt Mrs. Lemontunruhig in ihrem Wohnzimmer zu Westbourne Grove auf und ab. Sie schien in sehraufgeregter, unbehaglicher Stimmung zu sein; von Zeit zu Zeit blieb sie plötzlich amFenster stehen und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf jeden Laut, der von derStraße zu ihr Hinaufdrang. In dem Zimmer herrschte eine große Unordnung, welcheauf eine bevorstehende Abreise schließen ließ; ein Koffer stand geöffnet auf dem Boden;er enthielt die verschiedenartigsten Luxusgcgenstände, darunter auch diejenigen, welcheBertha bei ihrem Besuche dort aufgefallen waren. Mrs. Lemont mußte mit Einpackenbeschäftigt gewesen sein, denn durch die halb geöffneten Flügelthüren erblickte man schonmehrere, mit dicken Kordeln versehene Kasten.

Die Glocke schlug fünf Uhr, dann noch eine Viertelstunde und noch eine, und nochimmer setzte Mrs. Lemont ihre ungeduldige Promenade fort.

Weshalb kommt er nicht?" murmelte sie halblaut vor sich hin.Er versprachmir doch, heute Nachmittag hieher zu kommen und befahl mir, mich bereit zu halten,Mit ihm zu gehen, und ich bin bereit." ' --

Bei diesen Worten preßte sie die Hände gegen ihre Schläfe und seufzte tief:

Ich weiß, daß er sich nichts mehr aus mir macht, ja, ich glaube sogar, eswäre ihm lieb, wenn er mich aus dem Wege schaffen könnte", fuhr sie in ihrem Selbst-gespräche fort.Und ich wie ist es nur möglich, daß ich ihn noch liebe, nach all'diesen Jahren der Grausamkeit, der Vernachlässigung-und des Elendes? Ich weiß kaumob ich ihn liebe oder hasse; er mnthct mir zu viel zu."

Eine Weile lehnte sie ihre Stirne an die kalten Fensterscheiben und blickte hinausin das rege Treiben auf der Straße. Wagen, Omnibusse und Karren rasselten unauf-