Ausgabe 
(22.9.1883) 76
 
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hörlich vorbei; zahllose Fußgänger eilten vorüber; Alles zeigte Leben und Thätigkeit,ein greller Gegensatz zu der Einsamkeit und traurigen Leere, welche sie empfand.

Endlich ward an der Hausthür geschellt. Mrs. Lcmont fuhr zusammen; raschschritt sie zn einem Seitentische hin, anf welchem sich eine Flasche mit einigen Gläsernbefand, schüttete ein Glas Wein ein und stürzte es hastig hinunter; dann ließ sie sich,als eilige Tritte anf der Treppe hörbar wurden, in einen Sessel nieder. Gleich darauftrat ein junger Mann, die Thüre hinter sich zuschlagend, ein. Mrs. Lemont erhob sich,ihn zu begrüßen, doch war von ihrer vorherigen Ungeduld nichts mehr an ihr zu be-merken.

Du kommst spät, ich habe Dich schon einige Zeit erwartet." Er ging auf siezu und küßte sie dem Anscheine nach war ihnen diese Form der Begrüßung geläufig;denn nur wie eine alltägliche Gewohnheit wurde der Kuß gegeben und erwidert.

Mrs. Lcmont kehrte zu ihrem Platze zurück und der Besucher setzte sich ihr gegen-über an den Tisch.

Ich sagte Dir doch, daß ich kommen würde, aber nicht zu welcher Stunde, daich dies ja selbst nicht mit Bestimmtheit wissen konnte."

Er war ein großer, breitschulteriger Mann, mit aufgedunsenem Gesichte; die starkgcröthetc Nase, sowie die entzündeten Augenlider ließen auf ein lüderlichcs Leben schließen;seine Haare hatten etwas röthliche Färbung, ebenso der lange Schnnrrbart. Von Naturaus waren seine Züge nicht häßlich aber die finster zusammengezogene Stirne, der sinn-liche Ausdruck der vollen Lippen und die blutunterlaufenen Augen mit dem frechen bösenBlicke verdarben vollständig den äußeren Eindruck seiner Erscheinung.

Du hast mir nichts zu erzählen, Scdlcy?" frug Mrs. Lcmont.Bist Du bei

Thomson und Catthit gewesen und sind die Beweise in Ordnung?"

Natürlich war ich dort", erwiderte Sedley;es erfordert einige Zeit, ehe diePapiere gründlich durchgesehen sind, aber man versprach, mir noch heute Abend Ant-wort zu geben. Ich weiß, daß der Inhalt der Schatulle seine volle Richtigkeit hat,diesen verfluchten Ring ausgenommen. Du weißt das ebenfalls. Ich wollte, Deintheurer Bruder hätte den Ring, als er ihn stahl, verschluckt und wäre daran erstickt."

Pierre ist Dir doch zeitweilig sehr nützlich gewesen. Und der Beweis wird nichtvon dem Ringe abhängig gemacht?"

Nein, trotzdem muß ich ihn haben, es mag kosten, was es will. Gib mir die

Adresse von dein Mädchen, welches hier war, um sich zu erkundigen, ob nicht Jemand

etwas im Omnibusse verloren habe. Wer weiß, das könnte ja der Ring gewesen sein?"

Mrs. Lemont nahm aus ihrem Schreibtische Bcrtha's Karte heraus. Ein eigen-thümliches Lächeln glitt über ihr Antlitz, als sie ihrem Gefährten die Karte hinreichte.Sedley steckte sie, nachdem er gelesen, was darauf stand, in die Tasche.

Sobald es mir möglich sein wird, werde ich dort als Mr. Fauconrt meinenBesuch machen", sagte er dann.

Hätte ich damals gewußt, daß ein Ring fehlte, so würde ich Pierre's Besuchhier nicht geleugnet haben", bemerkte Mrs. Lemont.

Das glaube ich, wohl, für so närrisch halte ich Dich auch nicht", entgegnetc errauh.Nun wie steht es, bist Du bereit, hier weg zu gehen."

Ja, ich wünsche wahrlich nicht länger hier zn bleiben, dieser Aufenthalt ekeltmich an."

Du hast, doch auch hier Deiner tollen Verschwendungssucht Genüge leisten können;ich hoffe nicht, daß Schulden vorhanden sind", fuhr Sedley in demselben barschenTone fort.

Nein, ich habe keine Schulden", erwiderte sie, während ihre Stirne sich röthctc;sie preßte die Lippen fest zusammen, um den aufsteigenden Aergcr zn unterdrücken.

Soweit ist denn Alles gut. Darf ich vielleicht fragen, wer das letzte Opfer