Ausgabe 
(22.9.1883) 76
 
Einzelbild herunterladen

607

Vom alten Dessauer.

Wer möchte es wohl ohne Weiteres glauben, daß der Fürst Leopold von Anhalt-Dessau , der unter dem Namender alte Dessauer" bekannte preußische Haudegen, in seinenspateren Lebensjahren äußerst schreckhaft, ja furchtsam war! Und doch ist dem so. Die hand-schriftlichen Aufzeichnungen eines Zeitgenossen aus des Firsten Umgebung geben uns hierüberwie überhaupt über manches bisher Unbekannte aus dem Privatleben desselben Aufschluß. Soalterirte es den alten Gencralfeldmarschall ungemein, wenn sich Abends in seinem Zimmer etwasregte, plötzlich ein Hund anschlug oder Jemand im Zimmer etwas mit Geräusch fallen ließ. Auchwar er nicht gern im Finstern, noch weniger in einer finsteren Stube. Wachte er Nachts aufuud vermochte nicht gleich wieder einzuschlafen, so rief er seinen Kammerdiener, mit dem er sichüber die gleichgültigsten Sachen unterhielt. In späteren Lebensjahren ließ sich der Fürst sogar,wollte er aus seinem Zimmer in das andere gehen, von zwei Bedienten führen, wiewohl er ganzgut allein zu gehen vermochte. Mit dieser Furcht, die einen eigenthümlichen Widerspruch in demCharakter dieses Mannes bildet, der in offener Feldschlacht dem Tode so oft und muthig in'sAuge geblickt, harmonirte eine eigene Unruhe in seinem Wesen. Zeitig schon ging der Fürst zuBett. Im Sommer oft gegen Abend. Aber kurz nach Mitternacht war er dann auch schonwieder auf und fuhr um 1 oder 2 Uhr Morgens aus. Er liebte Überraschungen. Bald galtsein plötzlicher Besuch einem säumigen Gutspächter, bald einem bei ihm in Mißkredit gekommenenForstbeamten oder Mühlenpächter. Und wehe, wo er die Dinge nicht in Ordnung fand! Daregierte der Stock.

Im Essen war der Fürst einfach und mäßig. Neckereien verschmähte er und nannte sieKinkerlitzchen". Auf einem Küchenzettel finden wir beispielshalbcr gebackene Froschkeulen undfabricirte Kalbsmilch mit Sauce mit Rothstift dick durchstrichen und mit den: genannten Aus-^-.druck bezeichnet. Champagner kam nur an hohen Festtagen oder Ehrentagen auf die fürstliche"Tafel, so am 12. August, dem Siegertagc von Höchstüdt, und dem von Malpaquet, am 12. Sep-tember.

Eine besondere Liebhaberei des Fürsten war, andere Personen zu foppen und zu necken.Namentlich hing er solchen, die er nicht leiden mochte, gern Spitznamen an. So nannte erz. B einen Beamten der Rcntkammerdie große Schatulle", einen seiner ForstbeamtenNoth-schwanz", einen Dessauer GeistlichenKapuziner". Hofmarschall von Schlegel war derKrück-stock", ein etwas verwachsenes älteres Hoffräulein dieKräge" (Krähe).

Sparsam wie im Essen war der Fürst auch bezüglich seiner Kleidung. Die ältestenUniformröcke und das älteste Schuhwerk behagten ihm am besten. Im Dienst führte er inspäteren Jahren ein dickes spanisches Rohr mit schwerem silbernen Knopf, außer Dienst nahmer mit einem frisch geschnittenen fingerdicken Haselstock vorlieb.

Besonders interessant ist, was wir über des Fürsten Verhältniß zu seiner Gemahlin er-fahren. Er nannte sie vertraulichWicschen" undIhr". Als der Fürst in guter Laune ein-mal Abends sümmliche Wandleuchte» im Schlosse hatte anzünden lassen, und Anna Liese ihmverdrossen bemerkte: es sei dies nicht wirthschaftlich, entgegnete der'Fürst:Uebrigens sind dasmeine Sachen, Wüschen, darum müßt Ihr Euch gar nicht bekümmern." Mochte der Fürst nochso mit Arbeiten überhäuft sein, so lange seine Kinder jung waren, mußten sie sammt der Fürstinjeden Morgen in sein Zimmer kommen. Die an den Fürsten von Bernbnrg verheirathete Prin-zessin Luise war seine Lieblingstochter. Als er die Nachricht von deren baldigem Ableben erhielt,marschirte er mit seinem Regiment sofort nach Bcrnburg. Nachdem er das Regiment vor demSchlosse Aufstellung genommen, ging der Vater in den Schloßgarten, und während er bitterlichweinte, betete er:Herr Gott , ich habe lange nichts von Dir erbeten, ich will Dir auch sobaldnicht wiederkommen, aber laß nur meine geliebte Tochter wieder gesund werden."

Wie bereits bemerkt, war Fürst Leopold im Essen sehr mäßig, aber alle Gerichte mußtenin erster Linie gut zubereitet sein. War dies zuweilen nach seiner Meinung und Launenicht der Fall, kam der Koch sehr übel an. Einem Koch, der sich bei tadelndem Vorhalt einmalzu verantworten unternahm, warf der Fürst zornentbrannt sein Messer nach. Glücklicherweise ^

verfehlte das Messer rwar sein Ziel, traf aber den gerade eintretenden Flcischermeister Brandtaus Dessau , so daß dieser stark blutete. Dieser Brandt, der selbstverständlich ein fürstlichesSchmerzensgeld erhielt, war beim alten Dessauer xsrsona Zratissima, weil er guten Menschen-verstand besaß und dreist und gottesfürchtig war. Mit Brandt theilte sich auch der BäckermeisterRiede in des Fürsten besondere Gunst. Das verleitete denselben einst zu einem ungeschicktenStreich, den ihm der Fürst bitter entgelten ließ. Riede nämlich hatte vom Fürsten eine An-weisung auf einige Klafter Holz geschenkt erhalten. Als das Holz abgeladen wurde, ging derFürst zufällig an des Bäckers Hause vorüber und bemerkte, daß das viel mehr sei, als es derAnweisung nach sein konnte.Kerl!" schrie der Fürst,wie viel Holz habe ich Dir angewiesen?"

Ach, das war viel zu wenig", versetzte Riede, vertraulich lächelnd,da habe ich noch einNullechen hinzugethan." Der Fürst schwieg, aber die Revanche blieb nicht aus. Eines Abendsfuhr er an des Bäckers Hause vorüber, ließ anhalten und den Meister herausrufen. Dieser er-