Ausgabe 
(22.9.1883) 76
 
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schien sofort in Hcindsnrmcln, bloßen Füßen nnd Pantoffeln am Wagcnschlage.Setze Dichmal zn mir", sagte der Fürst leutselig,ich habe mit Dir ein Weniges zn plaudern." Natürlichkonnte der geschmeichelte Meister dieser Einladung nicht widerstehen, und so ging's unter lustigenReden die Straße hinab, zum Thore hinaus und bei immer rascherem Trabe der Rosse zweiStunden weit über Land. Plötzlich ließ der Fürst halten.So", sagte er,ich danke Dir fürDeine angenehme Unterhaltung, nun kannst Du wieder ausstcigcn." Verblüfft schaute der Bäckerdrein, aber kein Sperren half. Er mußte in seiner fragwürdigen Bekleidung, im Regen undDunkeln den weiten Weg langsam zurücktappcn und noch hinter sich herrufen hören:Schalk,das ist für das zugesetzte Nüllcchen."

Ein anderer gewaltsamer Scherz traf den Rath und die Bürgerschaft von Dessau beiGelegenheit einer Bürgcrmcistcrwahl. Der Fürst wollte den Posten für einen seiner Günstlinge,einen Franzosen Namens Bonnsos, der in Dessau Postbeamter war, reservirt haben. Bonafosaber war höchst unbeliebt und das Resultat somit vorauszusehen. Trotzdem wurde er gewähltund zwar auf die folgende originelle Weise. Beim Wahlaktus übernahm der fürstliche Protektorselbst den Vorsitz und befahl den wählenden Nathsmitglicdern, ihre Stimmen versiegelt abzugeben.Hierauf nahm er, am Kaminfcner sitzend, Zettel für Zettel in Empfang, öffnete einen nach demandern, lasBonafos!" und immer wiederBonafos!" und konstatirte, nachdem er znm Schlußsämmtliche Stimmzettel verbrannt hatte, daß Bonafoseinstimmig" gewählt sei sich um diestarren Gesichter der rcsidcnzstädtischen Nathsherrcn weiter nicht bekümmernd. Und diesensclbstherrscherischcn, eigenwilligen Regenten, der gefürchtet war, wagte die Dessauer Straßen-jngend, wenn er ohne Beute von der Jagd heimkehrte, lärmend anzufallen nnd mit dem spötti-schen Geschrei:Etsch , ctsch! er hat Nicht!" bis zum Schlosse zn verfolgen.Kindern war

^bci ihm eben Alles erlaubt.

^ Der Fürst starb bekanntlich am 9. April 1747, nachdem er zwei Tage vorher von einemSchlagfluß heimgesucht worden war.

M i s c e l l e n.

> (Woher d e r N a m e Sect?) Der Ursprung dieser mißbräuchlichen Bezeichnung sürden Champagner wird von Berliner Blättern auf niemand Geringern als auf den größten nndgenialsten Schauspieler, den Berlin jemals besessen, auf Meister Ludwig Devrient ,zurückgeführt. Eines Abends nämlich, in den zwanziger Jahren, als er im Schauspielhauseden Fallstaff in Shakespeares König Heinrich IV.", eine seiner unerreichbaren Meister-schöpfungen, gespielt hatte, trat er, wie immer champagnerdurstig, in seine geliebte Stamm-kneipe bei Lntter und Wcgucr ein und fuhr, noch immer im Charakter und mit derStimme Sir John's, den verdutzten Kellner an:Gib mir ein Glas Scct, Schurke!Ist keine Tugend mehr auf Erden?" Seit jener Stunde verstand man bei Lntterund Wcgner unterScct" nicht mehr den spanischen Wein, der diesen Namen führt(vino Lseco, trockener Wein, weil er aus halbtrockcnen Trauben bereitet wird), sondernChampagner. Bald hatte Berlin diesen Namen adoptirt.

(Eine kleine Anekdote,) die derB.-C." erzählt und dicscsmal den fürAnekdoten immerhin seltsamen Vorzug haben soll, wahr zu sein ... Zu dein Direktoreiner hiesigen höheren Lehranstalt kommt eine Frauaus dem Volke" und sagt: Ichbin nämlich die Budikcrin Schulze und habe eine siebzehnjährige Tochter. Die hatnun seit einem halben Jahre ein Verhältniß mit dein Sekundaner Müller von Ihnen,und der Müller ist ein netter junger Btann, und ich würde nichts dagegen haben, wenn^ er meine Tochter hcirathet. Aber man muß sich als Mutter doch vorsehen, und dakomme ich zu Ihnen, um zu fragen: Was hat denn so ein Sekundaner beiIhnen anf's Jahr? ....

(Daß das Rauchen die Sehkraft b c eintr ächtigt",) meint der Hr. Direktordes Ghmnasinms,habe ich eigentlich bisher noch nicht wahrnehmen können. Wenn ich Abendseinmal einen Spaziergang vor das Thor unseres Städtchens mache, so sehen mich meineHerren Primaner, die sich hinter der Blauer eine milde Havanna genehmigen schon auftausend Schritt."

Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg . Druck und Verlag deslitterarischen Instituts von Dr. Mar Huttlcr.