Ausgabe 
(26.9.1883) 77
 
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heit; ich bot mich für die Stelle an und habe somit nicht allein daß Aeußere, sondernauch das Innere des Hauses gebührend bewundern können."

Sedley stieß einen Fluch aus.

O, Du brauchst Dich nicht zu beunruhigen. Niemand wird Julie Lemont in dergrauhaarigen Matrone mit dem altmodischen braunen Kleide und enganschließendem Hutevermuthet haben. Natürlich wurde Nichts aus der Stelle; das sollte es ja auch nicht."

Der junge Mann schlug heftig mit der Faust auf den Tisch.

Das ist die reinste Tollheit; Du wirst noch einmal mit diesen höllischen Streichenanlaufen."

Und wenn mir ein Unglück zustoßen sollte, so wärest Du wohl sehr traurig,nicht wahr?" frug Julie spöttisch.

Sedley biß sich mürrisch auf die Lippen; er begann diese Frau zu fürchten, undder Zweifel, ob er ihr doch nicht zu viel zugcmuthct, so daß sich ihre Liebe, in Folgederen er sie früher, wie er sich ausdrückte, um den Finger wickeln konnte, nun in Haßverwandelt habe, stieg in ihm auf. Und daß Julie Lemont ebenso leidenschaftlich inihrem Hasse wie in ihrer Liebe sein könne, davon war er fest überzeugt. Er drängtesie zur Abreise, und sie, zufrieden, eine Wohnung, deren sie so herzlich müde war, ver-lassen zu können, packte eiligst die wenigen zerstreut umherliegenden Sachen in ihrenKoffer. Der zukünftige Aufenthaltsort, den Sedley für sie gewählt, gefiel ihr. Siehatte gewünscht in der Nähe von London zu bleiben, um immer ein wachsames Augeüber ihn haben zu können.

Während sie mit Packen beschäftigt war, saß er, den Ellbogen auf den Tisch undden Kopf in die Hand gestützt da und überlegte, wie er es anfangen müsse, sie fürimmer los zu werden; jegliches Mittel schien ihm recht. Er stand ja im Begriffe, eineneue Laufbahn zu beginnen und da mußten die Personen, welche sein früheres Lebenkannten, unbedingt bei Seite geschafft werden. Dazu kamen noch die immerwährendenAngriffe auf seinen Geldbeutel; er verwünschte das Schicksal, welches ihm diese Lastaufgebürdet; aber wie er sich davon befreien könne, war ihm selbst noch nicht klar.Einstweilen beschloß er, es von Julicn's Verhalten abhängig zu machen. Für die nächsteZeit befand er sich vor ihr in Sicherheit und später, so hoffte er, werde wohl ein glück-licher Zufall das herbeiführen, was zu thun er sich einstweilen noch scheute. SolcherArt waren seine Betrachtungen, während Perkin's auf Befehl der Herrin Wein undKuchen vor ihn hinstellte. Kurze Zeit nachher fuhren sie mit Dienerschaft und Gepäckzur Eisenbahn.

Zehntes Capitel.

Mrs. Dalton saß in dem hübschen Wohnzimmer zu Joy Cottagc und erwartetevoller Ungeduld die Ankunft ihrer Töchter. Draußen in: Garten hatte die warme Früh-lingssonne eine Menge Knospen und Blüthen in's Leben gerufen, aber trotzdem zeigteBertha's Blumenkorb die größte Vernachlässigung; Niemand dachte daran, ihn währendder Abwesenheit seiner Eigenthümerin von Neuem zu füllen. Mrs. Dalton selbst warsich auch von Tag zu Tag verlassener vorgekommen, sie fühlte sich vollständig hülflosohne Bcrtha und beschloß deshalb ganz gemüthlich bei sich, ihre jüngste Tochter, wennLena nächstens verreise, zu Hanse zu behalten. Es wurde Abend und noch immer warendie beiden Reisenden nicht angekommen. Mrs. Dalton blickte wohl zum zwanzigstenMale aus ihre Uhr, dann schellte sie.

Sara, wie spät ist es auf der Küchenuhr? Ich glaube, die meinigc geht nach.Ob ihnen wohl ein Unglück zugestoßen ist?"

I bewahre nein!" erwiderte Sara.Die jungen Damen können erst nach einerViertelstunde hier sein."