Ausgabe 
(26.9.1883) 77
 
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hinterlassen hat. Anch die literaturgeschichtliche Fälschung hat sich an diesem vielbe-sprochenen lyrischen Juwel versucht. In einem HefteIlmenau und seine Umgebung,"dessen zweite Auflage vor Kurzem erschien, befindet sich eine phothographisch-facsimilirteNachbildung von Goethes Inschrift (I) Dieselbe war aber bereits im Jahre 1847, wieHerr v. Löper, der gelehrte feinsinnige Goethe-Kenner, berichtet, fast unleserlich. Außer-dem war die Photographie einer vom Lichte nicht beschienenen inneren Wand damalsgewiß nicht möglich; ganz abgesehen davon, daß, wie neulich in der Kölnischen Zeitung (Düntzer?) darauf aufmerksam gemacht wurde, die Verse ganz anders abgetheilt waren,als sie auf diesem Photographischen Falsum zu sehen sind. Dieses sogenannte Facsimileist, wie auch die Züge der Handschrift zeigen, ein untergeschobenes Machwerk.WandrersNachtlied " wird, auch ohne daß wir die Urschrift desselben besitzen, leben, so langeGoethes Name in der Literatur genannt wird."

(Ohne mich.") Professor Wollhuber schläft über der Lektüre eines interessantenwissenschaftlichen Werkes, das er Abends im Bett mit einer gewissen Regelmäßigkeit zustudiren pflegt, ein, während das Licht auf dem Nachttischchen fortbrennt. Es ist nämlichsein eigenes neuestes Buch, das er zu benutzen pflegt, um sich einzuschläfern. In Folgeeiner unglücklichen Bewegung des Schlafenden fängt aber die Ripsgardine des Himmel-betts Feuer und beginnt unter fürchterlichem Qualm zu verkohlen. Der Professor er-wacht, springt empor und löscht den Brand durch Uebergießen mit dem Inhalt derWasserflasche. Dann lüftet er und legt sich mit dem selbstzufriedenen Ausruf wiederzu Bette:Da sieht man, was Geistesgegenwart und Gewandtheit bedeutet, ohne michwäre ich jetzt erstickt!"

(Ein humoristischer Schriftsteller), der hauptsächlich zu seinem eigenenAmüsement schreibt, besuchte kürzlich das Concert eines ihm befreundeten Musikers, demnicht entgehen konnte, daß der Litcrat zu verschiedenen Malen zu kichern begann und dieStimmung gefährdete. Nach dein Konzert stellte der Musiker den Humoristen zur Rede:Es ist wahrlich nicht schön von Dir," schloß er,daß Du Dir mein Konzert aussuchst,um Deiner Heiterkeit freien Lauf zu lassen: Habe ich etwa jemals über Deine Schriftengelacht?" . . . Und der Humorist schlich beschämt von danuen.

(Eine vergnügte Ehrenjungfrau.) Als vor nicht allzu langer Zeit aufder Balkanhalbinsel ein neuer Monarch gekrönt wurde, fragte der Haupteserhöhte leut-selig eine der Ehrenjungfrauen, wie ihr denn die Krönungsfeicrlichkeiten gefielen.Oh,Königliche Hoheit", war die Antwort der unbedachten Siebzehnjährigen,ich amüsire michköniglich. Ich wünschte, es wäre bald wieder Krönung!"

Scheidender Sommer.

Der Frühling kam, es blühte der HainUnd die lustigen Vogel sangen,

Und es stimmten die Herzen jubelnd ein,Und der Frühling ist weiter gegangen.

Und'der Sommer kam mit seiner Pracht:Das war ein Wallen und WogenVon goldenen Achren doch über NachtIst der Sommer davon geflogen.

Dann kommt der Winter mit Schnee und Eis,Der grämliche, kalte Geselle;

Er nistet sich ein mit vielem Fleiß,

Als wollt' er nicht von der Stelle.

Das ist das Leben in raschem Gang,

Das flüchtige Erdcnwallen;

Der Frühling ist kurz und der Winter lang,Und das Ende will keinem gefallen!

Und der Herbst mag Frucht in Scheunen und FaßUns mild zusammentbürmen,

Er plündert den Wald in argem SpaßUnd scheidet in wilden Stürmen.

-Der Winter vergeht mit Schnee und Eis,Das Leben mit Thränen und Sünden,Und Lenz, den Keiner zu malen weiß,Erblühet in seligen Gründen!"

Getrost, nur getrost in Sterben und Leid!Wir hören es lieblich erklingen:

Du selige, fröhliche WeihnachtszeitKamst, göttlichen Frühling zu bringen.

L. v. Hcemstedc.

Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg . Druck und Verlag des

Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler.

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